Knut Ebeling

I'll be your mirror

You Can Dump Me, Kasseler Kunstverein, 2004

Amouröse Beziehungen sind bekanntlich komplizierte Angelegenheiten – die durch die elektronischen Medien nicht unbedingt vereinfacht werden. Hatte schon die Erfindung des privaten Briefverkehrs leidtragende Liebende in ungeahnte Abgründe der Konfusion gestürzt, so sind die Folgen des Internets in diesem Bereich gerade erst abzusehen. Wenn jedoch der Satz zutrifft, dass wir den Technologien der Kultur um so bedingungsloser ausgeliefert sind, desto unabhängiger wir uns von ihnen glauben, dann ist mit dem Internet und der elektronischen Post ein neues Stadium einer ebenso intimen wie technikförmigen Kommunikation erreicht – und das gerade in den Momenten, in denen wir uns vollkommen unabhängig von ihnen glauben. Zum Beispiel in dem Moment, in dem man vor Adib Frickes neuer Arbeit You Can Dump Me im Kasseler Kunstverein steht. Vis-à-vis des Betrachters ist eine ansprechende Wandarbeit in einer poppigen Farbe zu sehen, deren Suggestion man sich nur schwer entziehen kann. Diese wird dadurch hergestellt, dass eine wie bei Bruce Nauman aus Worten bestehende Doppelspirale durch ihren Inhalt eine Dialogsituation herstellt, die das Verdoppelnde noch verdoppelt: Es gibt eine oder mehrere Stimmen, die sprechen – die jemanden ansprechen.

Nicht nur die rhythmischen Wiederholungen und poetischen Wendungen der Sprachschleifen zeigen, dass es sich keineswegs um einen wirklichen Liebesdialog handelt (sondern um ein Kunstwerk, das seine eigene Sprache der Liebe generiert). Auch die seltsame Servilität von Formulierungen wie »Tell me what you want me to say« oder »Let me know what you want me to hear« alarmieren den Betrachter, der bald erfährt: »I am the ultimate fake«. Doch was ist hier fake? Und wer ist die Person, die sagt »I like to keep it real«?

Tatsächlich ist Frickes Projekt zunächst kein Verwirrspiel mit den (tatsächlich verwirrenden) Lacanschen Kategorien des Imaginären und Realen; es ist nicht in erster Linie eine Arbeit über die Projektionsmechanismen jeder Liebeskommunikation oder über das Spiegelstadium. Und es ist auch keine Arbeit, die sich mit Liebesgedichten befasst oder mit Werbesprüchen, wie Fricke sie mit The Word Company in früheren Arbeiten verwendete. Zunächst ist seine Wandarbeit ein Projekt, das sich der »imaginary girlfriends« bedient – die gleichfalls nicht die neuesten psychoanalytischen Erkenntnisse über das Imaginäre der Liebesbeziehung darstellen, sondern schlicht eine Dienstleistung. Im Internet.

Jene »imaginary girlfriends«, die noch bis vor kurzem auf den unermesslichen Seiten des E-Auktionshauses eBay und an diversen anderen virtuellen Orten herumgeisterten (so zum Beispiel auf einer Seite mit Namen »Judylovesme«), stellten die jüngste Erfindung einer Technologie der Leidenschaft dar: Die Geister wurden hier durch diverse Anbieterinnen (und Anbieter) gestellt, die ihre diskursiven Liebesdienste meistbietend versteigerten. Diskursiv waren deren Dienste vor allem deshalb, weil sie sich auf die Zeichen der Liebe beschränken sollten – auf jene kleinen aber entscheidenden Botschaften, die jede echte oder unechte Liebe begleiten. Das Angebot umfasste elektronische Liebesbriefe und Internet-Chats, ja sogar echte Fotos, Valentinstagssträuße und »sexy-gifts«. Den Höhepunkt stellte dabei der klassisch handgeschriebene Liebesbrief dar, »scented and sealed with a kiss«.

Egal wie real der parfümierte und lippenstiftversiegelte Brief am Ende ausfallen sollte – imaginär waren diese wohlriechenden Dienste vor allem deshalb, weil jeder »real life contact« ausgeschlossen wurde. Mit Vertragsbeginn wurde nicht nur die Tatsache besiegelt, dass man den Anderen nie zu Gesicht bekommt; auch das Ende des Vertrages wurde mit seinem Anfang festgesetzt (der übrigens nicht in einer Unterschrift, sondern in einer Überweisung bestand): Ebenso oft wie auf ihre wohltätigen Dienste wiesen die imaginären Freundinnen auf den Homepages auf die Begrenzungen der Beziehung hin. Alles nur Vertrag. Du wirst mich nie in Wirklichkeit sehen. Doch sage ich Dir alles was Du möchtest.

Adib Fricke hat sich von den lockenden Statements dieser »imaginary girlfriends« nicht verführen lassen. Auch wenn deren Sätze so eindringlich klingen wie jene truisms, die einmal den Ruhm Jenny Holzers begründeten, ist er verhältnismäßig cool geblieben. Ihn hat bei seiner Arbeit nicht die Frage interessiert, was aus diesen rein vertragsmäßigen Beziehungen wird oder ob die Kunden ihre imaginären Liebesbriefschreiberinnen jemals in Fleisch und Blut zu Gesicht bekommen oder was die »imaginary girlfriends« letzten Endes schreiben. Das sind Fragen für Blockbuster wie You’ve Got Mail. Frickes Frage war eine andere. Er schob die ganze imaginäre Welt des »Was könnte daraus werden« bei Seite und beschränkte sich auf die Positivität des Vorliegenden. Wie einmal Foucault arbeitete er nur mit dem tatsächlich Gesagten. Bereits in den Arbeiten Marmelade aus Mexiko (2003) und Wörter mit doppelt r (2004) hatte Fricke nur tatsächliche Eingaben in Suchmaschinen als Materialgrundlage seiner Arbeiten verwendet – und die ganze Welt der Motivation und Interpretation der Suchmaschinenanfragen ignoriert.

Auch in You Can Dump Me besteht die Materialgrundlage nur aus denjenigen Selbstbeschreibungen der »imaginary girlfriends«, die auf ihren Homepages aufzufinden waren, also aus den Versprechungen des Vertrages, der dann den Liebesschreibdienst bei erfolgreicher Auktion in Kraft setzte. Spannenderweise tauchten auf den Homepages nicht nur die Dienstleistungen auf, die man bei Vertragsabschluss erwarten durfte. Dort erschienen zuweilen auch begründende Argumentationen, wozu das Ganze gut sei: Keine Lust mehr auf die Frage, ob man eine Freundin habe? Danach ob Du schwul bist? Oder möchtest Du Deine Ex eifersüchtig machen?

Naturgemäß könnte man sich angesichts von Phänomenen wie diesen darüber aufregen, dass in derlei Dienstleistungen der Liebesbrief zu einem Produkt verkommt, das ebenso zum Verkauf angeboten wird wie alles andere auch. Doch viel spannender als die kulturkritische Emphase ist die Tatsache, dass die vertragsmäßig vereinbarte Falschheit sich zu verkaufen schien – ist es, dass die Kunden offenbar nicht nur der echte Liebesbrief interessierte, sondern dass auch der Fake-Brief seinen Dienst tat. In Frickes Arbeit ist der falsche Brief jedoch keineswegs minderwertig; umgekehrt birgt der Fake-Brief eine entlarvende Komponente, die seinem echten Vorbild abgeht: Sagen wir am Ende nicht alle im Liebesspiel, was man von uns erwartet? Lässt sich überhaupt trennen zwischen echten und unechten Worten? Und wohnt nicht jedem Wort auch eine Form von Vertrag oder Verabredung inne, die man entweder einhalten oder brechen kann?

Wenn das Begehren das Begehren nach dem Begehren des Anderen ist, dann beinhaltet jeder Liebesbrief auch den Wunsch nach dem Liebesbrief des Anderen. Das ist diejenige confession, die den gefälschten Liebesbrief spannender macht als jeden echten. Das Einzige, was noch spannender ist als der gespielte Liebesbrief, ist das Schreibprogramm, mit dem er erstellt wurde. Aus diesem Grund ging Fricke von der wörtlichen und verbalen Ebene des Liebesbriefes zurück auf diejenige Gebrauchsanweisung, die ihn generierte – von der skriptiven auf die präskriptive Ebene. Anstatt den Millionen von kommerziellen Liebesbriefen nachzujagen, die womöglich schon in den Weiten des WWW herumgeschickt wurden, konzentrierte er sich auf denjenigen Text, der alle diese Textmassen produziert: auf das How to Write a Loveletter, den Quellcode des Liebesbriefes.

You Can Dump Me unternimmt die Sammlung und Archivierung von Fragmenten einer neuen Sprache der Liebe. Die alten Fragmente der Sendschreiben der Buchkultur hatte bekanntlich Roland Barthes in einem Büchlein mit dem Titel Fragmente einer Sprache der Liebe zusammengestellt – Schnipsel von Liebeswerbungen, die er in der Bibliothek der Weltliteratur aufgestöbert hatte. Der Unterschied zwischen beiden Projekten besteht nur vordergründig darin, dass Fricke sich von den Höhen der Weltliteratur in die Niederungen des Internets begibt. Er besteht auch nicht darin, dass in der Literaturgeschichte echte Stimmen vernommen worden sind, während man im Netz eher fiktiven girlfriends begegnet – schließlich hat die Liebesliteratur unseres Jahrhunderts unermüdlich an der Maskierung und Anonymisierung gerade von Liebesbriefschreibern und -schreiberinnen gearbeitet.

Der Unterschied zwischen Barthes und Fricke besteht in den angewandten Verfahren. Während Barthes den Kern der Liebesbotschaft in seiner Zitatesammlung erhält (er bereichert sie nur durch Beobachtungen aus dem eigenen Liebesleben), generiert Fricke aus den Angeboten der »imaginary girlfriends« einen neuen, einen vollkommen anonymen Text. Dieser neue Text einer neuen Sprache der Liebe ist das eigentliche Geheimnis seiner Arbeit. Dieser Text, der aus den zertrümmerten und neu zusammengebastelten Homepageinfos besteht, ist nicht nur formal und inhaltlich verschlungen, er generiert nicht nur unentwegt neue Nachbarschaften und Überschneidungen.

Dieser zugleich banale und entblößende Text ist so unbewusst und anonym, so unlinear und undurchdringlich wie ein Traum. Er ist ein neutraler Text in dem Sinne, dass er auf keinen Sprecher und noch nicht einmal auf eine Literatur Bezug nimmt. Vielleicht ähnelt seine vollendete Reflexivität – die Reflexivität eines stumpfen Spiegels – am ehesten einem geschriebenen Produkt, einem Liebeslied wie I’ll be your mirror, das Lou Reed 1967 für eine Projektionsfläche namens Nico textete.

 

Katalogbeitrag zu »Poetische Positionen«, Kasseler Kunstverein, Kassel 2004
© 2004 Knut Ebeling und Kasseler Kunstverein.