Es ist wieder mal so weit. Schon seit einiger Zeit schon trudeln »Die Wörter des Jahres« 2005 in die Medienwelt ein. Mit der letzten Woche veröffentlichten Wortliste der American Dialect Society scheint es nun erstmal damit zu einem Ende gekommen zu sein. Nur das deutsche »Unwort des Jahres« fehlt noch und wird wohl wie die Jahre zuvor wieder im Februar der Öffentlichkeit vorgestellt werden.
Truthiness also wurde zum amerikanischen Wort des Jahres 2005 gewählt. »truthiness refers to the quality of stating concepts or facts one wishes or believes to be true, rather than concepts or facts known to be true.«, ist in der erläuternden PDF-Datei zu lesen. Erstmals wurde demnach das Wort in einer satirischen Fernsehshow, Colbert Report, dokumentiert. Die American Dialect Society, die nun zum 16. mal ihre Wortkür veranstaltet, vergleicht sich übrigens ein wenig mit der bekannteren Aktion von Time Magazine: »The words or phrases do not have to be brand new, but they have to be newly prominent or notable in the past year, in the manner of Time magazine’s Person of the Year.« Die Short List ist umfangreich und zusätzlich in Gruppen aufgeteilt. Die Sektionsgewinner sind podcast in der Rubrik »Most Useful« für »a digital feed containing audio or video files for downloading to a portable MP3 player«, whale tail in der Rubrik »Most Creative« für »the appearance of thong or g-string underwear above the waistband of pants, shorts, or a skirt«, crotchfruit in der Rubrik »Most Outrageous« für »a child; children« oder internal nutrition in der Rubrik »Most Euphemistic« für »force-feeding a prisoner against his or her will«. Die größte Überlebenschance für Wortneuschöpfungen wird sudoku zugesprochen, das aber ist ja auch ein gewerblicher Name für die vor kurzem ausgebrochene Rätselmanie, bei der Zahlenkästchen mit Ziffern von 1-9 systematisch zu füllen sind.
Die Gesellschaft für deutsche Sprache wertet nicht nur seit 1978 die deutschen »Wörter des Jahres«, ihre Liste ist auch ein wenig übersichtlicher auf zehn Wörter bzw. Wortverbindungen begrenzt. Für 2005 waren dies Bundeskanzlerin, Wir sind Papst, Tsunami, Heuschrecken, Gammelfleisch, Jamaika-Koalition, hoyzern, suboptimal, Telenovela, FC Deutschland 06. Hier die Begründung für den ersten Platz: »Die feminine Endung -in an Berufs- und Personenbezeichnungen ist nicht neu – dennoch wäre noch vor wenigen Jahrzehnten auch eine Frau an der Spitze der Regierung als Bundeskanzler bezeichnet worden. Spätestens seit Beginn des Wahlkampfs für die vorgezogenen Neuwahlen zum Deutschen Bundestag etablierte sich mit der Kanzlerkandidatin Angela Merkel auch die Bezeichnung Bundeskanzlerin. Sprachlich wirft der Ausdruck interessante Fragen auf, etwa die nach lexikalisierten Zusammensetzungen wie Bundeskanzleramt oder protokollarischen Gepflogenheiten der Anrede.« Dass Wir sind Papst »sprachlich einprägsam« war, »diese Wendung selbst im Ausland ein Echo gefunden« hat und »noch Monate später zitiert und verändert (‘Sind wir noch Papst?’)« wurde, brachte der Bildzeitungs-Schlagzeile zur Papst-Wahl den zweiten Platz ein.
Liechtenstein hat aus 500 Vorschlägen Koalitionsharakiri zum Wort des Jahres 2005 gewählt. Lustiger war da die zusätzliche Wahl eines Dialektworts, Gewinner 2005 ist Imitsch anlässlich »der inflationären Nennung des englischen Wortes ‘Image’ in Liechtenstein«. Zum Unwort gewählt wurde Auberginenfürze. Was damit wohl gemeint sein mag?
Die Schweizer wählten – ebenfalls mit siebenköpfiger Jury – aus über 2.500 Vorschlägen das Wort Aldisierung aus. Dieses Wort stehe »als Synonym für die hohe Erwartungshaltung unserer Gesellschaft an alles Neue aus dem Ausland. Ein gesellschaftlicher Trend weg vom traditionell schweizerischen Qualitätsbewusstsein hin zum Billigpreis als einzigem Kriterium wird festgestellt.« Auch auf der Liste waren Rivalitätsprinzip, Nulltoleranz, Stallpflicht. Zum Satz des Jahres gekürt wurde Deutschland, wir kommen!
In Österreich wurde der Schweige-Kanzler zum Begriff des Jahres gewählt, gefolgt von Vogelgrippe, Gedankenjahr, Parallelgesellschaft, gefühlte Inflation. Österreich ist frei! kam auf Platz 1 der Sprüche des Jahres, dabei ist Das ist irreregulär!, der zweitplatzierte, viel schöner. Doch Es kann nur besser werden!, heisst es gleich auf Platz drei der österreichischen Sprüche-Liste. Dass wohl auch Österreich Geiz ist geil! doof findet und diesen Slogan zum »Un-Spruch« erklärt hat, ist beruhigend.
Alle, die Wörter maschinell verarbeiten, können leicht Texte filtern und etwas zu den jährlichen Wortlisten-Veröffentlichungen beitragen. So publizierte auch AOL eine Liste, die die häufigsten Spam-Headlines des Jahres (wohl nur für die USA) zusammenstellt, die mit dem eigenen Spam-Filtersystem gesammelt wurden: Donald Trump Wants You – Please Respond, Double Standards New Product – Penis Patch, Body Wrap: Lose 6-20 inches in one hour, Get an Apple iPod Nano, PS3 or Xbox 360 for Free, It’s Lisa, I must have sent you to the wrong site, (xx)Breaking Stock News(xx) Small Cap Issue Poised to Triple, Thank you for your business. Shipment notification, Your Mortgage Application is Ready, Thank you: Your $199 Rolex Special Included, Online Prescriptions Made Easy.
Keine moderne Wortzusammenstellung kommt ohne computeranalysierte Wortbewertung aus. Die häufigsten Suchanfragen bei der Online-Version des Merriam-Webster-Wörterbuchs waren integrity, refugee, contempt, filibuster, insipid, tsunami, pandemic, conclave, levee, inept. Mehr als 100 Millionen »Page Views« soll das Wörterbuch pro Monat nun haben, zum Teil 100 pro Sekunde. Damit dabei ein Wort unter den zehn häufigsten landen kann, muss es wohl ziemlich oft nachgeschlagen worden sein. Interessant die Erklärung für den Erfolg von Nr. 5 dieser Liste: »Even reality television can have an impact on what words are looked up … if the show if popular enough, and the moment is memorable enough. When Simon Cowell on American Idol said of Anthony Federov’s performance that it was ‘pleasant, safe, and a little insipid,’ it set off a round of lookups … that kept that word in the Top Fifty for two months.«
Bei Yahoo! Deutschland steht Routenplaner als Suchbegriff ganz oben auf der Liste. Dieses Wort hatte Google letztes Jahr auch auf Platz 1 in der Zeitgeist-Übersicht, wie Google seine Statistikseite nennt. Jetzt steht zuvorderst (allerdings noch auf der November-Liste) Wikipedia gefolgt von tokio hotel. Wetter und Telefonbuch sind in Deutschland weiterhin beliebt, auch letztes Jahr waren sie schon auf der Google-Jahresliste genannt.
Nun spielt auch Microsoft mit seiner MSN-Suche als Suchmaschinen-Player mit. Anstelle einer tabellarischen Übersicht gab es im virtuellen Pressecenter nur den Text einer Presseagentur, der die Haupt-Suchbegriffe MP3, Heidi Klum und Last Minute Reisen ein wenig »auszumalen« versuchte: »Wem es beim Anblick der Models nicht warm wurde, der wollte im kühlen Sommer 2005 Last Minute verreisen. Um dem Regen wenigstens für kurze Zeit den Rücken zu kehren, waren besonders die Billigflüge in den Süden gefragt.«
Die List of Words Banished from the Queen’s English for Mis-Use, Over-Use and General Uselessness stellt englische Wörter vor, die im Sprachverkehr weniger genutzt werden sollten, z.B. das anscheinend übermäßig genutzte Adjektiv surreal, dem dieser Kommentar beigefügt ist: »Dreams are surreal, not daily adjectives«.
Mein persönliches »Wort des Jahres« war übrigens Grobschmecker, welches meine fünfjährige Tochter angesichts der ziemlich schwachen Gastronomieleistung während unseres letzten Sommerurlaubs prägte.