2004/12/30
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Vortrag zur Ausstellung Wörterarbeit, Galerie Barbara Weiss, Berlin 1999
Vincent Docherty

Vom Zettelkasten bis zur Korpuslexikographie

Wie kommt ein Wort ins Wörterbuch rein?

Die Subjektivität des Bearbeiters oder: Zeig mir dein Wörterbuch, und ich zeig dir, wer du bist

Jeder Lexikograph hat – wie jeder »normale« Mensch auch – gewisse Fachkenntnisse und Vorlieben, und diese spiegeln sich in den Wörterbüchern wider. Dadurch, dass in aller Regel Teams gebildet werden, versucht man zu vermeiden, dass die subjektiven Interessen übermäßig betont werden. Es ist aber tatsächlich schon mal vorgekommen, dass ein Wörterbuch vom Markt genommen werden musste, weil ein Lexikograph seinem Steckenpferd zu viel Platz eingeräumt hatte.

Von Eintagsfliegen und Dauerbrennern – der Lexikograph als Hellseher

Neue Wörter kommen auf und sind von heute auf morgen in aller Munde. Aber übermorgen sind die meisten von ihnen schon wieder Schnee von gestern. Ich selbst habe im Rahmen der Erstellung eines einsprachigen Wörterbuchs für Deutsch die Stichwörter »Mauerspecht« und »Begrüßungsgeld« aufgenommen und definiert; bis das Buch erschienen ist, waren beide Wörter schon wieder vergessen – ich musste sie wieder »rausschmeißen«.

 

Wann kommt ein Wort aus dem Wörterbuch wieder raus?

Haben Wörter ein Verfallsdatum?

Wie entscheidet man dann, welche Wörter aus dem Wörterbuch getilgt werden und welche noch »wörterbuchtauglich« sind? Auch das war bisher eine recht subjektive Angelegenheit: Das Team besprach zunächst die Liste der Wörter, die zu »Wackelkandidaten« geworden waren, und fand in aller Regel einen Konsens bezüglich veralteten oder gar obsoleten Sprachgebrauchs. Es gab aber kein objektives Kriterium, wann ein Wort aus dem Wörterbuch endgültig ausscheiden musste.

Was ist eine »Wörterbuchleiche«?

Diese seltsame Spezie führt gewissermaßen ein Doppelleben: Zum einen handelt es sich hier um Wörter, die nicht mehr im Gebrauch sind, aber bisher einfach von allen Bearbeitern als Löschungskandidaten übersehen wurden. Zum anderen erfüllt manch eine »Wörterbuchleiche« eine ganz andere Funktion: Es soll nämlich mal vorgekommen sein, dass der eine Lexikograph vom anderen »abgeschrieben« hat. Seriöse Verlage lassen sich öfters Phantasiebegriffe einfallen, um kontrollieren zu können, ob sie auch von solchen skrupellosen Plagiatoren »mitgenommen« werden …

 

Der tägliche Kampf mit dem Wort gegen das Wort

Sollten Wörterbücher waffenscheinpflichtig gemacht werden?

So einfach es auch aussieht, ist der Umgang mit dem Wörterbuch oft mit ungeahnten Schwierigkeiten verbunden. Wer die vielen Sonderzeichen und kontextuellen Hinweise nicht wahrnimmt, kann, besonders wenn er selbst in der Fremdsprache zu formulieren versucht, sein blaues Wunder erleben. So meinte der Diplomat sicherlich etwas ganz anderes, als er am Ende seines Besuchs in einem englischsprachigen Land, sagte: Thank you very much for the wonderful conception! Denn »Empfang« hat im Englischen eben mehrere Entsprechungen …

»Political Correctness« und andere Alltagsprobleme

Zu den heiklsten Problemen des Alltags in der »lexikographischen Werkstatt« gehört nicht zuletzt das in letzter Zeit so wichtige Thema der »Political Correctness«. Darunter versteht man das bewusste Bemühen, soziale Minderheiten und Randgruppen durch sprachliche Bezeichnungen in keiner Weise zu diskriminieren. Wir erhalten häufig Zuschriften von Mitgliedern solcher Gruppen, die in unseren Wörterbüchern beleidigenden Wortschatz gefunden haben: Ein türkischer Mitbürger empfand das Wort »getürkt« als Beleidigung für das gesamte türkische Volk, Sinti und Roma verweisen auf die etymologisch fragwürdige Herkunft von »Zigeuner« – »ziehende Gauner« – usw. Durch Warnhinweise versuchen wir, den Benutzer darauf aufmerksam zu machen, dass Wörter, die für manche Sprecher wertneutral sind, auf den Zuhörer eine durchaus negative Wirkung haben können (wie z.B. »Neger”).

 

Die Korpusanalyse und ihre Grenzen

Was ist ein Korpus, und was kann man damit machen?

Ein Korpus bezeichnet eine große Sammlung von Sprachmaterial in elektronischer Form – in aller Regel Zeitungs- und Literaturtexte, aber auch gesprochene Sprache. Diese Textsammlungen – wir arbeiten selbst mit einem 300-Millionen-Wort-Korpus für das Deutsche – werden von modernen Computerprogrammen analysiert und ausgewertet. Lässt man den Text eines aktuellen Wörterbuchs mit dem des Korpus vergleichen, kann man unter anderem Listen von Aufnahme- und Löschungskandidaten erhalten.

Kann man ein Wörterbuch automatisch erstellen lassen – und wäre der Mensch dann überflüssig?

Theoretisch wäre das machbar, aber das Ergebnis eines automatisch erstellten Wörterbuchs wäre höchst fragwürdig, denn bisher konnte kein Computer die menschliche Kompetenz ersetzen. In dem gesamten 300-Millionen-Wort-Korpus erschien z.B. der Begriff »á la carte« kein einziges Mal und wäre von daher ein klassischer Streichungskandidat gewesen. Die Lexikographen wissen aber, dass er trotzdem ins Wörterbuch gehört und haben den Vorschlag des Computers einfach ignoriert …

Die Grenzen der rein automatischen Korpusanalyse

Nach der Analyse eines großen Textkorpus erhielten wir den Hinweis, dass das Wort »immmer« ins Wörterbuch aufgenommen werden sollte. Wir konnten nicht glauben, dass unser Standardwerk das Wort »immer« nicht enthielt, und erst bei genauem Hinschauen fiel uns auf, dass das vorgeschlagene Wort drei »m« hatte. Diese Schreibweise war aber im Korpus 132 ((?)) Mal vorgekommen … Schöne neue Multimediawelt.

 

Dr. Vincent J. Docherty, der sich selbst als »Sprachpraktiker« bezeichnet, ist Leiter der Wörterbuch-Redaktion des Langenscheidt-Verlags, München.

© 1999 Vincent J. Docherty & Adib Fricke, The Word Company.

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