2004/12/30
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Katalogbeitrag für URTUX. Kein Ort, überall.

E-Mail-Dialog zwischen Verena Kuni und Adib Fricke

Betreff: Findung fehlender Worte


Betreff: Findung fehlender Worte
Datum: Mon, 03 Jun 2002 12:02:13 +0200
Von: verena kuni
An: thewordcompany

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

der Anlaß meines Schreibens mag für einen Geschäftsbrief allzu persönlich klingen – aber dieser Eindruck täuscht; und da ich mich an Sie als Unternehmen richte, gehe ich davon aus, daß Sie sich von einer solchen Suggestion nicht dazu verleitet sehen, an der Seriosität meiner Anfrage zu zweifeln:

Obgleich ich selbst einen professionellen Umgang mit Worten pflege, ja: es zu den zentralen Tätigkeiten meiner Profession gehört, Sätze zu formulieren und Texte zu verfassen, sehe ich mich mitunter mit der unschönen Situation konfrontiert, daß es mir unversehens – von einem Moment auf den anderen – an einem wichtigen Baustein für diese Tätigkeit mangelt.

Kurz gesagt: Für manches finde ich keine Worte.

In einer solchen Situation habe ich nun – nachdem ich bereits mit wachsender Unlust eine Unzahl zuhandener Enzyklopädien, Lexika, Diktionarien und Wörterbücher gewälzt hatte – das Internet zu Rate gezogen und bin dort nach einigem Suchen doch recht schnell auf Ihr Unternehmen gestoßen, dessen Name allein – The Word Company – mir zu versprechen scheint, mit meinem Anliegen bei Ihnen an der richtigen Stelle zu sein.

Meine Frage ist also: Können Sie mich bei der Findung von Worten, genauer gesagt: der Findung fehlender Worte unterstützen?

In der Hoffnung, recht bald von Ihnen zu hören, verbleibe ich mit freundlichen Grüßen aus Frankfurt
Verena Kuni


Betreff: Re: Findung fehlender Worte
Datum: Tue, 04 Jun 2002 17:11:53 +0200
Von: The Word Company
An: verena kuni

 

Guten Tag Frau Kuni,

vielen Dank für Ihr Interesse an The Word Company.

The Word Company widmet sich bedeutungslosen Wortschöpfungen und aus Wörtern bestehenden Einheiten. In unterschiedlicher Weise werden die Protonyme und rhetorisch relevanten Satzstücke in bestehende kommunikative Infrastrukturen gebracht. Daneben übernimmt The Word Company auch klassische Wort- oder Namensgebungsaufträge zur Bezeichnung eines Gegenstands (oder einer Dienstleistung).

Gerne unterstütze ich Sie bei der Findung einzelner Wörter. Ich freue mich darauf, von Ihnen zu erfahren, für welche Art von Wort und in welcher Form Sie sich eine Unterstützung wünschen.

Freundliche Grüße aus Berlin
Adib Fricke
The Word Company


Betreff: Bedeutungslose Wortschöpfungen
Datum: Mon, 10 Jun 2002 22:36:34 +0200
Von: verena kuni
An: The Word Company

 

Sehr geehrter Herr Fricke,

haben Sie vielen Dank für Ihre freundliche Antwort, die mir ja nun auch schon einen etwas genaueren Einblick in Ihr Unternehmensprofil sowie in Art und Umfang des Dienstleistungsangebotes Ihres Unternehmens gegeben hat. Das heißt: Wenn ich Sie richtig verstehe, sind Dienstleistungen im eigentlichen Sinne – das, was Sie als »klassische Namensgebungsaufträge« bezeichnen – nur ein Nebenzweig Ihres Unternehmens. Wohingegen es sich im Schwerpunkt der freien, d.h. auftrags- und nachfrageungebundenen Produktion von Wörtern, die Sie als »bedeutungslose Wortschöpfungen« bezeichnen, widmet. Nun, das klingt in der Tat vielversprechend.

Gesetzt den Fall, ich wäre an einer solchen »bedeutungslosen Wortschöpfung« interessiert – könnte ich diese dann bei Ihnen erwerben? Müßte ich hierzu eine Bestellung aufgeben? Oder würden Sie mir zu diesem Behufe eine Auswahl bereits erstellter, d.h. von Ihrem Unternehmen produzierter bedeutungsloser Wortschöpfungen vorlegen? Gibt es gar einen entsprechenden Produktkatalog Ihres Unternehmens, den ich zu Rate ziehen kann?

Existiert eine Preisliste? Falls nein: wie habe ich mir die Preisgestaltung vorzustellen? Und welche Leistungen umfaßt der Kaufvertrag? Erwerbe ich die Wortschöpfung exklusiv und dauerhaft oder erwerbe ich nur ein partielles bzw. temporäres Nutzungsrecht? Konkret gefragt: Was würde mich – falls dies denn überhaupt möglich sein sollte – der exklusive Erwerb einer bereits vorliegenden, oder besser noch: einer eigens für mich angefertigten bedeutungslosen Wortschöpfung kosten? Und wie kann ich dann sichergehen, daß es sich nicht nur um eine exklusive, sondern auch um eine dezidiert und dauerhaft bedeutungslose Wortschöpfung handelt? Oder besitzen bedeutungslose Wortschöpfungen wenigstens eine Art »Haltbarkeitsdatum«, bis zu dessen Ablauf Ihr Unternehmen für die Bedeutungslosigkeit garantieren kann?

Fragt,
mit freundlichen Grüßen aus Frankfurt
Verena Kuni


Betreff: Re: Bedeutungslose Wortschöpfungen
Datum: Wed, 12 Jun 2002 10:20:20 +0200
Von: The Word Company
An: verena kuni

 

Hallo Frau Kuni,

ja, der Schwerpunkt von The Word Company sind freie Wortschöpfungen, ohne Bedeutung und ziemlich oft auch ohne Auftrag. Gerne können Sie Nutzungsrechte für ein solches Protonym oder eine aus Wörtern bestehende Einheit bei The Word Company erwerben.

Es gibt vier Arten von Lizenzen für TWC-Wortarbeiten:

a) temporäre Lizenz, die die nicht-exklusive Nutzung für einen bestimmten Zeitraum ermöglicht (z.B. Nutzung in Ausstellungen),
b) permanente Lizenz, die die dauerhafte, jedoch ebenfalls nicht-exklusive Nutzung gestattet (z.B. Materialisierung einer Wortarbeit für eine Sammlung),
c) exklusive Lizenz, die das alleinige Nutzungsrecht an einer Arbeit zusichert,
d) kommerzielle Lizenz, die neben der exklusiven Nutzung zusätzlich eine gewerbliche Nutzung einschließt.

Bestehende Wortarbeiten, für die bereits eine permanente Lizenz vergeben wurde, können nun natürlich nicht mehr in exklusiver oder kommerzieller Form zur Verfügung gestellt werden. Für Protonyme und aus Wörtern bestehende Einheiten, die noch nicht exklusiv genutzt werden, können jedoch weiterhin temporäre oder permanente Lizenzen vergeben werden.

Original-TWC-Arbeiten haben immer das gleiche typografische Erscheinungsbild und sind, als fester Bestandteil der sichtbaren Arbeit, mit dem Signaturzeichen von The Word Company versehen. Die Lizenzen beinhalten im gegebenen Rahmen die Nutzung der Wortarbeit sowie die Nutzung der Form des Wortes.

Die Gebühr für eine temporäre Lizenz beträgt je Wortarbeit zur Zeit xxx,- Euro (netto) / je Monat. Nicht eingeschlossen sind Aufwendungen für die Materialisierung der jeweiligen Arbeiten, z.B. eine Realisation als Wandarbeit oder die Herstellung eines Stempels oder …

Für die anderen Lizenzformen gibt es keine pauschale Berechnung. Hier kommt es auf die Art der Nutzung und auf die Art der Materialisierung an, um Details nennen zu können.

Es gibt keine Garantie für eine dauerhafte Bedeutungslosigkeit der Wörter. Dies ist nicht möglich, denn – einmal in Umlauf gebracht – kann jedes der Protonyme potentiell durch irgendjemand mit Bedeutung belegt werden und mit dieser Bedeutung eine große Verbreitung erfahren. Auch eine zufällige Wiederholung einer solchen Arbeit durch jemand anderes zu einem anderen Zeitpunkt kann nicht ausgeschlossen werden. The Word Company kann jedoch zusichern, daß die jeweilige Wortarbeit zum Zeitpunkt der Entstehung und der Entscheidung dafür mittels der Recherchequellen, die zur Überprüfung genutzt werden, nicht nachweisbar gewesen ist. Eine solche TWC-Recherche ist umfangreich, kann aber selbstverständlich nicht umfassend sein. Als Quellen werden u.a. Wörterbücher verschiedener Sprachen, Lexika sowie Fachlexika unterschiedlicher Disziplinen genutzt; Suchmaschinen und Domain-Verzeichnisse im Internet gehören genauso dazu wie internationale Telefonregister, das nationale und das internationale Markenverzeichnis, welche beim deutschen Patent- und Markenamt geführt werden bzw. einsehbar sind.

Ich verstehe, daß Sie sich für eine exklusive Wort-Nutzung interessieren. Um Ihnen ein Angebot machen zu können, bitte ich Sie um detailliertere Informationen, in welcher Form Sie was für eine Wortarbeit nutzen möchten. Möchten Sie nur das Wort, also nur die Nutzungsrechte erwerben, oder möchten Sie auch eine Umsetzung erwerben, die über die einfache typografische Form hinausgeht oder soll dieses Wort sogar markenähnlich eingesetzt und dafür angemeldet werden?

Ich freue mich auf Ihre Antwort, beste Grüße aus Berlin
Adib Fricke
The Word Company


Betreff: Protonyme
Datum: Wed, 19 Jun 2002 22:15:31 +0200
Von: verena kuni
An: The Word Company

 

Sehr geehrter Herr Fricke,

haben Sie vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort auf meine Fragen. Nun ist es in der Tat an mir, die eigenen Vorstellungen zu präzisieren und eine Entscheidung hinsichtlich des Auftrags zu treffen, mit dem ich Ihr Unternehmen gerne betrauen möchte. Dabei haben mir Ihre Ausführungen sehr geholfen. Die mich im übrigen – das kann ich frei heraus so formulieren – auch noch einmal in dem bereits gewonnenen Eindruck bestärken konnten, in The Word Company den geeigneten Geschäftspartner für mein Anliegen gefunden zu haben. Vertrauen ist doch eine wichtige Grundlage für einen Kontrakt, bei dem es um nichts geringeres als den Erwerb eines Wortes geht.

Daß Sie keine Garantie auf die dauerhafte Bedeutungslosigkeit der Protonyme geben können, soll dabei kein Hindernis sein. Tatsächlich erscheint es mir mittlerweile selbst plausibel, daß es eine solche Garantie gar nicht geben kann. Und zwar um so weniger, als sich das erworbene Protonym im Einsatz als erfolgreich erweist. Schließlich werden Protonyme – und dies dürfte ja nicht zuletzt für die bei Ihrem Unternehmen in Auftrag gegebenen Protonyme gelten – zu keinem anderen Zweck in die Welt gesetzt als zu dem, eine Bedeutung zu behaupten und auf dem Wege der Behauptung früher oder später eine Bedeutung herzustellen. Das beste Beispiel dafür dürfte wohl nicht zuletzt die entsprechende Etablierung Ihres Unternehmens auf dem Sektor der Findung und des Vertriebs von Protonymen bieten.

Gerne gebe ich an dieser Stelle zu: Als ich auf der Suche nach fehlenden Worten im Internet auf die Heimseite von The Word Company stieß, war ich zunächst durchaus noch unschlüssig, ob sich Ihr Angebot mit meinem Anliegen in Deckung bringen lassen würde. Ich habe mich im Vorfeld meiner Anfrage also auch ein wenig umgesehen auf dem Markt. Beispielsweise habe ich in Ihrer unmittelbaren Netznachbarschaft die Seiten eines bei genauerem Hinsehen doch nur scheinbar konkurrierenden Unternehmens gefunden. Zwar wirbt die im kalifornischen San Carlos ansässige Firma gleichen Namens mit der sicher sehr richtigen Feststellung »In Today’s Market, Every Word Counts. It Pays To Use A Professional« (sinngemäß: »Auf dem heutigen Markt zählt jedes Wort. Es zahlt sich aus, einen Profi zu engagieren«). Das Kerngeschäft dieser »Word Company« besteht jedoch darin, den Kunden in seiner Geschäftskommunikation zu unterstützen, seine Produkte wortgewandt in Werbebotschaften zu verpacken und dergleichen mehr: Es handelt sich also um eine gewöhnliche Werbe- und PR-Agentur, die sich darauf spezialisiert hat, für andere »die richtigen Worte« zu finden.

Derlei war bzw. ist aber nicht die Dienstleistung, nach der ich suche – wie ich schon schrieb, ist dies eher schon ein Feld, auf dem ich selbst zuweilen tätig bin. Mit anderen Worten: Die richtigen Worte zu finden gehört im Grunde zu meinen beruflichen Routinen. Wofür ich mich vielmehr interessiere – und damit möchte ich zu einer Präzisierung meines Anliegens schreiten -, ist jener Bereich der Wortfindung, in dem weder Wörterbücher wie der Wahrig oder Nachschlagewerke wie der Duden für sinn- und sachverwandte Wörter, noch jedwede andere Art von Lexika und Enyklopädien weiterhelfen können; jener Punkt, an dem selbst die höchste Sprachgewandtheit und Professionalität im Setzen von Sätzen scheitern. Eben deshalb, weil man nach Worten sucht, die es noch gar nicht gibt, die also erst noch hergestellt werden müssen.

Genau diese Leistung bietet The Word Company mit der Kreation von Protonymen an, und zwar – wie mir scheint – weitgehend konkurrenzlos. Dies bestätigte mir auch eine entsprechende Online-Recherche: Nicht nur wurde mir The Word Company von der Suchmaschine an erster Stelle anempfohlen – was allein vielleicht noch kein solides Kriterium darstellen mag, bekanntlich lassen sich Suchmaschinen ja entsprechend manipulieren. Vor allem anderen verwiesen auch fast alle übrigen Funde auf Projekte, in die The Word Company selbst involviert war. Besonders erstaunt war ich allerdings, festzustellen, wie wenige Verweise das Internet insgesamt zu diesem doch in nachgerade existentieller Weise interessanten Thema zu bieten hat, was auf die bislang also eher noch mangelnde Beschäftigung mit Protonymen schließen läßt. Zudem führen alle diese nicht The Word Company und ihren Aktivitäten zugeordneten Verknüpfungen zu im englischsprachigen Raum situierten Seiten, ausgerechnet im Land der »Dichter und Denker« scheint man sich mithin um einen zukunftsweisenden, kreativen Sprachgebrauch vergleichsweise wenige Gedanken zu machen. Unter den englischsprachigen Seiten waren demgegenüber nicht nur eine Definition des Wortes »Protonym« zu finden, wie sie dem mir zuhandenen deutschen Fremdwörter-Duden erstaunlicherweise ermangelte, sondern auch ein Auszug aus einem Marketing-Lehrbuch zum Thema Branding und Wortmarken – in Zeiten, da sich ahnungslose Webseitenbetreiber bei der Verwendung gebräuchlicher Begriffe und bekannter Eigennamen Abmahnungen kommerzieller Wortnutzer einhandeln, der mutmaßliche Absatzmarkt für Protonyme schlechthin, möchte ich vermuten. Nicht zu vergessen schließlich ein recht interessanter Zeitschriftenartikel, der über ein Projekt referierte, bei dem es tatsächlich um die Suche neuer bzw. »flüchtiger« oder fehlender Wörter ging (sogenannter »word fugitives«). Eine solche Suche war auch der Findung eines Wortes für falsch geschriebene Homonyme gewidmet – und zeitigte einige sehr amüsante Ergebnisse, die ich Ihnen natürlich nicht vorenthalten möchte: »errerr« etwa (eine Mischung aus »error«, Irrtum, und »err«, »äh«), »doppelklanger« (abgeleitet von dem im Angloamerikanischen gebräuchlichen »doppelganger«), »nononym« oder der durchaus einleuchtende Vorschlag: »Since bird-watching is called ornithology, why can’t we call that kind of word-botching orthinology?« (»Wenn man das Beobachten von Vögeln unter Ornithologie faßt, warum können wir diese Art von Wort-Pfusch nicht Orthinologie nennen?«).

Nun, wie auch immer: Ob auf diesem Wege tatsächlich Protonyme im eigentlichen Wortsinn gefunden wurden, ließ der Artikel offen; allerdings scheint dies auch weder in der Absicht des Projekts noch in derjenigen der Wortschöpfer gelegen zu haben. Besonders originelle Einreichungen wurden mit einem Buchpreis bedacht, dafür traten die Einsender die Rechte für den Abdruck an die das Projekt betreuenden Zeitschriftenredakteure ab. Über eine weitere Nutzung, eine Anwendung der Worte gar, wie sie eben echte Protonyme auszeichnen würde, ist mir nichts bekannt. Bestenfalls waren auf diese Weise vielleicht ein paar Neologismen entstanden, neue Wörter und Wendungen also, denen nichts Prototypisches bzw. Protonymes eignet, sondern die vielmehr einen vorhandenen Gegenstand neu benennen sollen und die dabei obendrein direkten Bezug auf dessen Bedeutungsumfeld nehmen. An einem Neologismus – dem im übrigen doch allzuleicht ein Moment des Modischen anhaftet (ganz zu schweigen von der Neuerungssucht bis hin zum religiösen Eifer, der so manchem Neologen als Antriebsfeder dient) – war ich und bin ich jedoch nicht interessiert.

Tatsächlich möchte ich nun ein Protonym bei The Word Company in Auftrag geben, ein Wort also, daß sozusagen das erste seiner Art ist – folglich einmal zunächst für sich genommen durchaus bedeutungslos und eher wie ein eigenständiges Objekt betrachtet werden muß. Das aber – wie ich mittlerweile eingesehen habe – gegen spätere Assoziationen und Bedeutungszuweisungen keinesfalls gefeit sein kann. Sondern eher schon – wie der Begriff Protonym im Grunde besagt – seinerseits danach verlangt, daß andere fürderhin nach ihm benannt werden wollen, wenn es denn Verbreitung finden soll. Daß solches einem bedeutungslosen Wort widerfahren kann, ja seine eigentliche Bestimmung sein sollte, mag natürlich verwunderlich oder unstimmig wirken. Nach einigem Nachdenken scheint es mir jedoch nachgerade logisch zu sein. Ein Prototyp ist ja ein ähnlich seltsames Ding: Als Muster verweist er auf ein künftiges Eigentliches, das nach seinem vorläufigen, probenden Beispiel hergestellt werden wird. Ein Original, das nur zu dem Zweck entsteht, kopiert und vervielfältigt zu werden.

Nun, so weit möchte ich in bezug auf das Protonym, das ich bei Ihrem Unternehmen bestellen will, natürlich noch nicht in die Zukunft blicken. Eine weitreichende Verbreitung dieses Protonyms würde mich zwar sehr erfreuen, doch liegt es eigentlich weder in meiner Absicht, sie in spezieller Weise zu befördern, noch auch einen kommerziellen Nutzen aus ihr zu ziehen. Dementsprechend bin ich zu dem Schluß gekommen, daß ich eine exklusive Lizenz oder eine kommerzielle Lizenz, wie Sie sie für Ihre TWC-Wortarbeiten anbieten, nicht in Anspruch nehmen muß. Ob der Kontext, in dem das Protonym zum Einsatz kommen soll, nach den Maßgaben von TWC gleichwohl werblichen bzw. gewerblichen, also kommerziellen Charakter besitzt, müßte ich jedoch Ihrem Urteil überlassen – vielleicht ist dies auch im Rahmen einer Zusatz-Klausel verhandelbar. Um den Erwerb einer permanenten Lizenz wird jedoch nicht herumzukommen sein, da dem Medium, in dem das Protonym erscheinen soll, hoffentlich doch eine gewisse Dauerhaftigkeit eignet.

Hier nun ist der Zeitpunkt gekommen, auch in Hinblick auf den Auftrag selbst und seinen Kontext etwas deutlicher zu werden: Zusammen mit dem Institut für moderne Kunst bereite ich eine Anthologie vor, die im Verlag für moderne Kunst erscheinen und dem Thema »Utopie«, genauer gesagt: »Kunst als Utopie« gewidmet sein soll. Hier haben wir also einen Begriff, der etymologisch und historisch zwar durchaus präzise herleitbar ist, mittlerweile aber eine ganze Vielfalt von möglichen Auslegungen, Interpretationen und Assoziationen mit sich führt – erst recht dann, wenn er mit dem ebenfalls (Sie verzeihen mir den Biologismus) so bedeutungsschwangeren wie schwammigen Begriff der Kunst in Verbindung gebracht wird. Grundsätzlich haben wir uns für das Buch einen positiven (wenn man so will: positivistischen oder gar utopischen), nämlich offenen Umgang mit dem Begriff der Utopie zum Ausgangspunkt genommen. Dennoch befiel uns während der Planung und Realisierung unseres Vorhabens immer wieder ein leises Unbehagen, das eindeutig auf die Beladenheit (um nicht zu sagen: Belastung) des Begriffes zurückzuführen war – den wir doch eher in seinem Reichtum und seinem Potential begreifen wollten. Was uns – so hoffe ich – letztlich auch gelungen ist. Gleichwohl fragte ich mich und frage ich mich noch immer, ob nicht gerade unter den Utopien der Kunst diejenige eine besondere Bedeutung besitzen müsse, die neue Worte findet bzw. Begriffe schafft, die eben keinen wie auch immer lehrreichen – wie man in der barocken »Buntschreiberei« gesagt hätte: »nutz- und lustbringenden« Bedeutungsballast mit sich führen. Und denen eben keine entsprechende Bedeutungszuweisung bereits eingeschrieben ist. Dieser Gedanke, und der Versuch, ihn für das Vorwort unseres Publikationsprojekts in Worte zu fassen, brachte mich in jene Lage, aus der heraus ich mich dann entschloß, mit Ihrem Unternehmen in Kontakt zu treten.

Ich weiß wohl, daß in diesem Gedanken Spurenelemente des eigentlich längst verabschiedeten Avantgarde-Mythos ihr Unwesen treiben, der Kunst und Künstlern eben Genuines, Geniales, Originelles und Originales, kurz gefaßt: die »Schöpfung« von »Neuem« abverlangt. Und nichts liegt mir ferner, als ein nach modernsten Kriterien geführtes Unternehmen wie The Word Company einer Verhaftung an ebensolche überkommene Vorstellungen zu verdächtigen. Doch nicht nur insofern TWC auf dem Feld der Kunst einschlägige Referenzen vorweisen kann, habe ich den Eindruck gewonnen, mit meinem Anliegen bei Ihnen an der richtigen Stelle zu sein. Tatsächlich würde ich sogar die Behauptung wagen, daß ein Unternehmen wie The Word Company für diese Vorstellung und zugleich wider den Mythos eine ebenso künstlerisch wie unternehmerisch überzeugende, zeitgemäße Formulierung gefunden hat. Wäre also ein Protonym nicht jener Gegenstand, in dem die Utopie der Kunst und die Utopie als Kunst aufs trefflichste zusammenfinden? Ich möchte Sie daher gern beauftragen, für unser Buchprojekt ein Protonym zu entwickeln, das – wenn Sie so wollen – zugleich die Antwort von TWC auf diese Frage ist. Und Sie zusammen mit einem Kostenvoranschlag zugleich um die Erlaubnis bitten, unseren Briefverkehr im Buch in voller Länge dokumentieren zu dürfen. Ob Sie die im folgenden noch zu klärenden finanziellen Details des Kontraktes ebenfalls der Öffentlichkeit zugänglich machen wollen, bliebe mit Rücksicht auf das Geschäftsgeheimnis natürlich in jedem Fall Ihrer Entscheidung überlassen.

Mit den besten Grüßen
Verena Kuni


Betreff: Re: Protonym
Datum: Wed, 26 Jun 2002 13:50:03 +0200
Von: The Word Company
An: verena kuni

 

Hallo Frau Kuni,

vielen Dank für Ihre ausführliche E-Mail.

Gerne können Sie unsere Korrespondenz in Ihrem geplanten Buch veröffentlichen. Preise sollten dort allerdings nicht wiedergegeben sein. Solche Detail-Vereinbarungen sind letztlich nur für die Partner, die einen Vertrag abschließen, wichtig – obwohl die Taxierung einer Sache über einen Geldbetrag immer ein beliebtes und für viele interessantes Spiel ist. In Japan sah ich Mitte der achtziger Jahre mal eine Fernsehshow, die den Titel »How Much« trug und bei der es nur darum ging, für – aus japanischer Sicht – exotische Gegenstände fremder Länder den Preis zu erraten, für die Lederhose aus Oberbayern oder den Speer eines afrikanischen Jägers. Für letzteren war der Gedanke, das selbstgemachte Werkzeug zu verkaufen, übrigens völlig absurd und der den Lebensunterhalt ermöglichende Gegenstand unverkäuflich. Nur wenn The Word Company extreme Preise machen würde, ein Protonym also z.B. 1 Million Euro kostet, dann wäre es für Käufer und Verkäufer natürlich sehr interessant, den PR-Erfolg einer solchen Meldung vom teuersten Wort aller Zeiten, welches noch dazu bedeutungslos ist, zu nutzen.

Danke auch für Ihr Kompliment, daß Sie niemand weiteres finden konnten, der oder die vergleichbar arbeitet. Tatsächlich kenne ich selbst auch niemanden, der sich in ähnlicher Weise den Wörtern, sprich: Protonymen und »aus Wörtern bestehenden Einheiten« widmet. Ein einziges Beispiel, anders als The Word Company, kann ich in Ergänzung nennen, bei dem der Künstler Miltos Manetas den Begriff »Neen« durch die Namensagentur »Lexicon Branding« hat entwickeln lassen, mit der Intention, damit zukünftig und ausschließlich bildende Kunst zu bezeichnen.

Einige Ihrer Beispiele für die »word fugitives« sind schön, z.B. das »nononym«. Doch wie Sie selbst stelle ich diese Begriffe hinsichtlich protonymischer Qualitäten in Frage. Wenn auch zum Teil ironisch, so gibt es dabei immer die Motivation, einen eine Idee oder einen Gegenstand repräsentierenden Begriff zu prägen. Ähnliches gilt für das Wortschöpfen, dem »Branding« der Namensagenturen: Deren Arbeit ist ein Gegenstand, das zu bezeichnende Produkt, vorangestellt. Selbst wenn der gewählte Name, mehr entwickelt als gefunden, keine unmittelbare Nähe zu vorhandenen Wörtern aufweist, so sollte er doch ein Versprechen in sich tragen. Ein Anklang, etwas in dem Namen, das eine (assoziative) Identifikation mit dem Produkt erzeugen kann, ist Voraussetzung, um das Wort verkaufen und mit dem Wort verkaufen zu können.

Zurück zu Ihrem Wunsch, eine Lizenz für die Nutzung eines Wortes als Buchtitel zu erwerben. Mir gefällt es, ein zum Teil utopisch wirkendes Wortgebilde für ein Buch als Titel bereitzustellen, das von Utopien oder zumindest von Fragen nach Utopien handelt. Natürlich kann es als solches, in der Natur der Protonyme liegend, kein Ersatzbegriff für das, wie Sie schreiben, überladene Wort »Utopie« sein. Ich kann mir sehr gut die Wirkung eines TWC-Wortes als Titel gedruckt vorstellen, auch wenn dieses spezielle Protonym noch nicht existiert, da Sie sich ja ein neues Wort dafür wünschen. Spannend wird es dabei sein, ob sich das Wort in seiner Nichtbedeutung behaupten kann, oder ob es sich durch Ihre Patenschaft als Mitherausgeberin eines Buches zu einem bestimmten Thema, für das das Wort zumindest oberflächlich stehen soll, zu einer bedeutungstragenden Einheit hin verschieben wird.

Die Lizenzkosten für die permanente, jedoch nicht exklusive Nutzung eines Protonyms von The Word Company als Buchtitel betragen xxx,- Euro (netto). Dies schließt die Bereitstellung und Nutzung der Wortarbeit in der TWC-eigenen Typografie zusammen mit dem als Marke geschützten Signaturzeichen ein. Eine weitere Nutzung, z.B. zu einem späteren Zeitpunkt als Ausstellungstitel, ist nicht eingeschlossen. Jedoch kann eine bestehende Lizenz um eine solche oder eine andere Nutzung erweitert werden.

Wann planen Sie, das Buch zu veröffentlichen?

 

Beste Grüße aus Berlin
Adib Fricke
The Word Company


Betreff: Ein neues Wort
Datum: Thu, 04 Jul 2002 13:22:03 +0200
Von: verena kuni
An: The Word Company

 

Sehr geehrter Herr Fricke,

haben Sie Ihrerseits vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort. Ich hoffe sehr, Sie verzeihen mir die kleine Verzögerung in unserer Kommunikation, nachdem wir doch gerade an einen sehr spannenden Punkt gelangt waren. Ich mußte jedoch zunächst mit meinen Partnern im erwähnten Publikationsvorhaben Rücksprache halten, um zu eruieren, ob unser Budget eine Auftragsvergabe im von Ihnen genannten Rahmen gestattet. Wie ich vielleicht noch nicht erwähnte, steht das Projekt selbst bereits kurz vor dem Abschluß (womit auch Ihre Frage nach der Veröffentlichung der Publikation beantwortet wäre: Sie ist für den Herbst 2002 vorgesehen); dementsprechend hatten wir die ohnehin knapp bemessene Kalkulation eigentlich längst fixiert. Allerdings konnten wir ja nicht ahnen, daß wir – am Ende mehr denn je zuvor über dem Begriff der Utopie und folglich auch über der Titelfindung grübelnd – durch eine glückliche Fügung auf Ihr Unternehmen stoßen würden.

Um so mehr freue ich mich, daß wir gemeinsam zu einer positiven Entscheidung gekommen sind und ich Sie also mit einem Wortfindungsauftrag betrauen kann.

Mit anderen Worten: Wir möchten Sie gerne dazu einladen, ein Protonym für unser Projekt zu entwickeln – das dann auch prominent auf dem Titel der Publikation erscheinen soll. Zugleich zeigten sich meine Partner aber auch sehr angetan von dem Ihnen bereits unterbreiteten Vorschlag, im Buch selbst auch unsere Geschäftskorrespondenz zu dokumentieren – insofern diese doch einige wissenswerte Informationen zu Ihrem Unternehmen enthält, dessen Kerngeschäft und Arbeitsweise ihrerseits ebenfalls einen interessanten und deshalb vorstellenswerten Zugang zum Thema unserer Publikation eröffnen.

Im Zuge einer Vervollständigung dieses kleinen »Unternehmensporträts« möchten wir Sie um Erlaubnis bitten, Ihre Allgemeinen Geschäftsbedingungen abdrucken und ggf. über ausgewählte Screenshots auch einen Einblick in den Online-Auftritt von TWC unter http://www.thewordcompany.de geben zu dürfen.

Wenn Sie möchten, kann ich die Verwaltung des Instituts um die Ausfertigung eines entsprechenden Vertrages bitten, den wir Ihnen dann umgehend zustellen werden. Sollten Sie es hingegen vorziehen, ihrerseits – soweit vorhanden – einen Kontrakt aufzusetzen bzw., falls in Ihrer Rechtsabteilung vorhanden, unseren Vereinbarungen Standardverträge von The Word Company zugrunde zu legen, möchten wir Sie unsererseits darum bitten, uns diese so bald wie möglich zukommen zu lassen. Mit Blick auf die anstehende Fertigstellung des Buchprojekts wäre uns sehr an einem zügigen Vertragsabschluß gelegen.

In der Hoffnung, recht bald wieder von Ihnen zu hören grüßt Sie
Verena Kuni


Betreff: Re: Ein neues Wort
Datum: Sat, 06 Jul 2002 20:18:34 +0200
Von: The Word Company
An: verena kuni

 

Hallo Frau Kuni,

schön, daß Sie und Ihre Partner sich für eine Zusammenarbeit mit The Word Company entschieden haben und ein Protonym als Titel für Ihr Buch-Projekt in Lizenz erwerben möchten. Zu Ihrer Information übersende ich Ihnen anbei die Allgemeinen Geschäftsbedingungen von The Word Company.

Unsere Vereinbarung hinsichtlich der Lizensierung und Nutzung eines Wortes wird sehr ähnlich zu anderen Verträgen sein, die The Word Company bereits abgeschlossen hat, so daß ich Ihnen in den nächsten Tagen einen Vertragsentwurf zusenden werde. Soll ich diesen direkt an Sie oder an den Verlag für moderne Kunst Nürnberg richten? Und wer von Ihrer Seite soll darin als Vertragspartner genannt werden?

Beste Grüße aus Berlin
Adib Fricke
The Word Company


Betreff: Vertragliches
Datum: Mon, 08 Jul 2002 19:57:31 +0200
Von: verena kuni
An: The Word Company

 

Sehr geehrter Herr Fricke,

haben Sie vielen Dank für die umgehende Antwort, die Zusendung Ihrer Allgemeinen Geschäftsbedingungen und des Vertragsentwurfes.

Beides werde ich umgehend an Herrn Manfred Rothenberger weiterleiten, den ich auch als Vertragspartner einzusetzen bitte, insofern er als Leiter des Instituts und verantwortlicher Lektor des Verlags für die geschäftliche Seite unseres Kontrakts und die damit verbundenen finanziellen Transaktionen verantwortlich zeichnen wird.

Mit den besten Grüßen nach Berlin
Verena Kuni

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Erschienen in: URTUX. Kein Ort, überall – Kunst als Utopie
Jahrbuch 01/02 des Instituts für moderne Kunst Nürnberg, Verlag für moderne Kunst Nürnberg, 2003.
Beiträge u.a. von Atelier van Lieshout, Nina Fischer und Maron el Sani, Bea Emsbach, Dietmar Dath, Barbara Kirchner, Adib Fricke, Thomas Huber, Eva Grubinger, Verena Kuni, Elke aus dem Moore, Yves Netzhammer, Res Ingold, Phantombüro, Institut für Paradiesforschung, M + M, Krystian Woznicki und WochenKlausur.

 

© 2002 Verena Kuni & Adib Fricke, The Word Company sowie Verlag für moderne Kunst Nürnberg.

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