Eines meiner Lieblingsbücher ist Gullivers Reisen von Jonathan Swift. Im dritten Teil »Eine Reise nach Laputa, Balnibarbi, Luggnagg, Glubbdubdrib, und Japan«, Kapitel V, besucht Gulliver die grosse Akademie von Lagado … hier ein kleiner Appetizer:
»Wir überquerten einen Weg zum anderen Teil der Akademie, wo, wie ich bereits gessagt habe, die Forscher für spekulatives Wissen wohnten.
Der erste Professor, den ich sah, befand sich in einem sehr grossen Raum und hatte vierzig Schüler um sich. Als er mich nach der Begrüßung mit ernster Miene auf einen Rahmen blicken sah, der den grössten Teil der Länge und Breite nach den Raum ausfüllte, sagte er, dass ich mich vielleicht darüber wunderte, ihm mit einem Projekt zur Verbesserung spekulativen Wissens durch praktische und mechanische Operationen befasst zu sehen. Aber die Welt werde bald seinen Nutzen spüren, und er schmeichelte sich, dass ein edlerer und erhabenerer Gedanke noch nie im Kopfe eines anderen Menschen entstanden sei, Kunst und Wissen zu erlangen, während durch seine Erfindung selbst die ungebildetste Person zu einem vernünftigen Preis und mit geringem körperlichen Einsatz Bücher in Philosophie, Poesie, Politik, Recht, Mathematik und Theologie schreiben könne, ohne die geringste Hilfe durch Begabung oder Lernen. Darauf führte er mich zu dem Rahmen, an dessen Seiten all seine Schüler in Reihen standen. Er war zwanzig Fuss im Quadrat und mitten im Raum aufgestellt. Dem Erscheinungsbild nach setzte er sich aus mehreren Holzteilchen, ungefähr von Würfelgrösse, zusammen, aber einige waren grösser als andere. Sie waren alle durch dünne Drähte untereinander verbunden. Diese Holzteilchen waren auf jedem Feld mit aufgeklebtem Papier überzogen, und auf dieses Papier waren alle Vokabeln ihrer Sprache geschrieben in den verschiedenen Modi, Zeiten und Deklinationen, aber ohne jegliche Ordnung. Der Professor ersuchte mich sodann achtzugeben, denn er werde seine Maschine in Bewegung setzen. Auf seine Anordnung nahm jeder Schüler einen eisernen Griff in die Hand, wovon vierzig an den Kanten des Rahmens ringsum befestigt waren, und durch eine ruckartige Drehung wurde die gesamte Anordnung der Wörter völlig verändert. Darauf hiess er sechsunddreissig Burschen die verschiedenen Zeilen leise lesen, so wie sie auf dem Rahmen erschienen. Fanden sie drei oder vier Wörter beieinander, die den Teil eines Satzes bilden konnten, diktierten sie diese den vier übrigen Jungen, welche die Schreiber waren. Diese Arbeit wiederholte sich drei- oder viermal, und bei jder Drehung war die Maschine so ausgerichtet, dass die Wörter an neue Stellen fielen, je nachdem, wie die hölzernen Vierecke sich von oben nach unten bewegten. …
Als nächstes gingen wir zur Sprachenschule, wo drei Professoren darüber beratschlagten, wie sie die Sprache ihres Landes verbessern könnten.
Beim ersten Vorhaben ging es darum, Unterhaltungen dadurch zu verkürzen, dass vielsilbige zu einsilbigen Wörtern beschnitten würden, und Verben und Partizipien fortzulassen, weil alle vorstellbaren Dinge in Wirklichkeit nur Nomina seien.
Das zweite war ein Plan zur völligen Beseitigung aller Wörter überhaupt. Dies wurde als grosser Vorteil im Hinblick auf Gesundheit und Kürze nachdrücklich betont. Es ist ja offensichtlich, dass jedes von uns gesprochene Wort in gewissem Maße eine Einschränkung unserer Lunge durch Gewebezerstörung bedeutet und demzufolge zur Verkürzung unseres Lebens beiträgt. Weil Wörter nur Namen für Dinge sind, müsse es, so bot man als Ausweg an, für alle Menschen vorteilhafter sein, solche Gegenstände bei sich zu tragen, die notwendig seien, um die bestimmte Angelegenheit, über die man zu sprechen habe, auszudrücken. … Dabei gibt es nur einen Nachteil. Wenn die Angelegenheit, um die es geht, sehr umfangreich und differenziert ist, sieht man sich gezwungen, ein verhältnismäßig grosses Bündel von Gegenständen auf dem Rücken mit sich herumzutragen, es sei denn, man kann sich einen oder zwei starke Diener als Begleitung leisten. Ich habe oft zwei dieser Weisen gesehen, die beinahe unter der Last ihrer Bündel zusammenbrachen wie bei uns die Hausierer. Sie pflegten beim Zusammentreffen auf der Straße ihre Lasten abzulegen, ihre Säcke zu öffnen und sich eine Stunde lang zu unterhalten. Darauf packten sie ihr Zubehör wieder ein, halfen sich gegenseitig, ihre Bürde wieder aufzunehmen, und verabschiedeten sich.
Für kurze Unterhaltungen braucht man jedoch nur ausreichend Zubehör in den Taschen und unter dem Arm zu tragen, und zu Hause kann man nicht in Verlegenheit kommen. …
Ein weiterer grosser Vorteil, der im Zusammenhang mit dieser Erfindung vorgebracht wurde, war die Tasache, dass sie uns als Universalsprache dienen werde, die man bei allen zivilisierten Völkern verstehen könne, deren Waren und Geräte im allgemeinen identisch oder einander ähnlich seien, so dass ihre Verwendung leicht verständlich sei.«
—aus: Jonathan Swift, »Gullivers Reisen«, Stuttgart, 1987, S. 237 ff