2004/12/30
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QUIVID

QUIVID - im öffentlichen Auftrag

Ein Wort für München, 2002

»Kunst am Bau« in München heißt jetzt QUIVID. Im Auftrag des Baureferats der Stadt München entstand ein neues Wort von The Word Company. Ab sofort ist es der Bezeichner für die Aktivitäten der Stadt München, die Kunst und öffentliche Bauten verbinden.

Munich’s percent for art program is now called QUIVID. The Word Company, commissioned by the building department of the city of Munich, has created a new word. Effective immediately, The Word Company’s newest word creation designates all activities linking art and public building projects undertaken by the city of Munich.

Im öffentlichen Auftrag (die QUIVID-Webseite, Baureferat der Stadt München)


Heinz Schütz

QUIVID – im öffentlichen Auftrag

Die Stadt München stellt bei ihren Baumaßnahmen gewöhnlich zwei Prozent der Baugelder für Kunst zu Verfügung. Das Baureferat fungiert dabei als Auftraggeber und wird dabei von der städtischen Kunstkommission beraten. Vergangenes Jahr (2001) wurde The Word Company gebeten, für die künstlerischen Aktivitäten, die aufgrund dieser Regelung in Auftrag gegeben werden, einen Namen zu entwickeln. Die Absicht hinter der Namenssuche zielt darauf, jüngere Entwicklungen im Bereich der Kunst aufzugreifen und der Sprachfalle, die mit dem kursierenden Begriff »Kunst am Bau« verknüpft ist, so weit als möglich zu entkommen. Gleichzeitig geht es darum, eine gewisse, im weitesten Sinne programmatische Neuorientierung der Arbeit der Kunstkommission zu markieren. Nicht zuletzt soll das vom Baureferat betreute Projekt von anderen Projekten abgegrenzt, durch einen eigenen Namen benennbar und damit, im Sinne der eingeleiteten Öffentlichkeitsoffensive, kommunikabel werden. Die Namensgebung ist nun erfolgt. Sie ist Anlass, den Namen, die künstlerischen Strategien seines Urhebers und das Benannte vorzustellen und zu reflektieren.

SMORP MIPSEL QUOBO – Adib Frickes Wortkonstruktionen

Im Rückgriff auf die in der jüngeren Kunst angelegten grenzüberschreitenden Potentiale beziehen die Kunstkommission und das geschäftsführende Baureferat Künstler gegenwärtig auf verschiedenen Ebenen mit ein. So wurde etwa ein Rechercheprojekt über Kunst in Kindergärten nicht an Soziologen, Pädagogen oder Kunsthistoriker vergeben, sondern an die Künstlergruppe Department. Die Ausstellungsbetreuung von QUIVID I und die damit verbundene Einrichtung einer Website erfolgte nicht durch einen Kurator, Ausstellungsarchitekten oder Webdesigner, sondern durch Susanne Clausen und Pawlo Kerestey, zwei Mitgliedern von Szuper Gallery. In diesem Sinne erging auch der Auftrag der Namensfindung an The Word Company, ein Unternehmen des Künstlers Adib Fricke mit dem er sowohl innerhalb, als auch außerhalb des Kunstkontextes operiert.

Bereits der Name »The Word Company« gibt Hinweise auf Adib Frickes Arbeitsweise. Im Kunstkontext kann der Name als Bezeichnung einer fingierten, mit Worten arbeitenden Ein-Mann-Gesellschaft verstanden werden, als Name eines Konstruktes, das sich im Sinne simulativ-ironischer Strategien den Anschein einer Firma gibt und das immer noch kursierende Bild des idealistischen Künstlers unterläuft. Eine nicht an den Kunstkontext gebundene Lesart legt nahe, hinter dem Namen eine textproduzierende Firma für Werbung zu vermuten.

Der kreative Umgang mit Worten war lange Zeit eine Domäne der Dichter. Als Kreative – »kreativ« war einst ein Lieblingswort des ins Gutgemeinte gekehrten Protestes der 68er – werden inzwischen die Spots und Slogans produzierenden Autoren der Werbeindustrie bezeichnet. – Dem Begriff erging es wie anderen Worten, die in irgendeiner Form ein nicht unmittelbar Verwertbares bezeichnen und die so lange zugerichtet werden bis sie sich den Erfordernissen des Marktes fügen. »Philosophie« etwa taucht heute wohl am häufigsten in der Zusammensetzung »Firmenphilosophie« auf. Ein Begriff wie »Performance« wanderte aus dem Theater und Kunstbereich in die Börsensprache. – Aus dem Blickwinkel der frühen Moderne – der Impressionismus etwa lehnte alles Literarische in der Malerei ab – hatten Worte in der bildenden Kunst keinen Platz. Der Einbruch von Worten in die Kunst der Moderne beginnt mit den kubistischen und dadaistischen Collagen, er kulminiert im Konzeptualismus, wenn anstelle des optisch Wahrnehmbaren Texte, Begriffe und Worte treten und findet seine Fortsetzung in neoallegorisienden und neoemblematischen Tendenzen der achtziger und neunziger Jahre. Insofern weist der auch von Adib Fricke praktizierte Umgang mit Worten im Kontext der bildenden Kunst auf eine lange Tradition zurück. Dies gilt auch für den ironisch-simulativen Umgang mit Machtstrukturen etwa im Dadaismus oder mit der Konsumwelt und ihren reproduktiven Verfahren in der Pop Art. Wenn Andy Warhol sein Atelier »Factory« nennt, stellt er die künstlerische Produktion auf den Boden der ihn umgebenden Produktionsbedingungen.

Adib Frickes »The Word Company« erfindet Worte und situiert sie, durchgängig in Versalien derselben Typologie und versehen mit dem Markenzeichen TWC, in verschiedenen Kontexten. Dabei bedient sich Fricke in erster Linie sogenannter Protonyme. Der Neologismus »Protonym« – ein Wortkonstrukt Frickes – wurde in Analogie zu den Worten »synonym«, »homonym« oder »anonym« gebildet und setzt sich zusammen aus dem vom griechischen »ónyma« abgeleiteten Wort für Name und der Vorsilbe »proto« »vorderster, erster, bedeutsamster«. Protonyme funktionieren in gewisser Weise wie sprachliche Protoypen. Es handelt sich um sinnlose Worte, um Worthülsen, die in erster Linie Lautmusik sind, um Wortmodelle, die dem womöglich bedeutungsgebenden Gebrauch vorhergehen.

In Ausstellungen schreibt Fricke seine Protonyme meist in großen Buchstaben auf die Wände, wobei er für jedes Protonym einen anderen farbigen Grund wählt. In seinem Beitrag für die Ausstellung Talk.Show im Von der Heydt-Museum etwa stand ONOMO auf rotem Grund, RIMITOM, MIPSEL und YEMMELS jeweils auf blauem Grund. Die farbigen Gründe heben die Protonyme hervor und umgeben sie jeweils mit einer spezifischen Farbatmosphäre. Der Präsentation sinnloser Worte entspricht hier die Verwendung von Farben jenseits von symbolischen oder mimetischen Bezügen. Die Gründe erinnern an monochrome Malerei, der allerdings das Emphatische der Malerei ausgetrieben wurde.

Fricke verlässt den institutionalisierten Kunstkontext, wenn er unter dem Titel »Words to go« in Nürnberg eine interventionistische Arbeit realisiert. In einem Zeitraum von drei Wochen werden Einzelfahrscheine der Nürnberger Verkehrsbetriebe ausgegeben, die Fricke als Vehikel zur Veröffentlichung seiner Arbeit benutzt: Auf einer Seite der Fahrscheine steht jeweils eines der drei Protonyme MIPSEL, RITOB oder SMORP. Die Fahrgäste erwarten auf Fahrscheinen gewöhnlich Aufdrucke, die den Fahrschein zum Fahrschein erklären, Informationen der Verkehrsbetriebe oder womöglich auch Werbung. Hier nun bricht das Sinnlose in die funktionale Welt ein, ein irritierendes Wort , dessen Sinn sich nicht entschlüsseln lässt, ein Wort, das offensichtlich auf seiner eigenen Sinnlosigkeit beharrt, aber darin gleichzeitig ein Assoziationsangebot an den Leser macht.

Während die solchermaßen situierten Worte frei flottieren und ohne unmittelbaren Gebrauchswert sind, stellt Fricke Protonyme etwa auch als Titel für Ausstellungen zur Verfügung. Eine Ausstellung jüngster Kunst in Leipzig wird mit ONTOM überschrieben, ein Rückblick auf die Kunst der letzten Dekade in Berlin mit QUOBO. Dabei tritt nun eine gewisse Doppelstrategie zu Tage: Zum einen benützt Fricke die funktionalen Anforderungen der Textsorte Ausstellungstitel, um eine eigene Arbeit in Umlauf zu bringen, gleichzeitig erfüllt er seinen Auftrag, und stellt einen Namen zu Verfügung.

Frickes Protonyme erscheinen als ein spezifischer Ausbund an Sinnlosigkeit. Vergleicht man sie jedoch mit den in der Warenwelt zirkulieren-den Namen – man denke etwa an Omo oder Twix, an Intel oder Microsoft – wird deutlich, dass der Dadaismus längst in die Warenwelt eingedrungen ist, gewöhnlich jedoch nicht wahrgenommen wird, da er sich durch geschäftsbedingte Ernsthaftigkeit tarnt. Die Fun-Gesellschaft wird in Zukunft wohl zunehmend nach funny names verlangen, wie denn überhaupt die Namensentwicklung zu einem entscheidenden Geschäftsfaktor wurde. Der Kampf um Absatzmärkte vollzieht sich heute wesentlich auf dem Feld der Werbung. Namen, Texte und Bilder sind dabei die werbestrategischen Waffen. Je ununterscheidbarer die Produkte wurden, desto bedeutsamer wurde die durch Namen und Images produzierte Differenz. So, als ob die poststrukturalistischen Theoreme, die Sprache und Welt gleichsetzen, nun auch vom Markt verstanden worden seien, hat, neben der Privatisierung des genetischen Codes, in jüngster Zeit – entscheidend forciert durch das Internet – die zunehmende Privatisierung von Sprache eingesetzt. Frei verfügbare Namen sind inzwischen rar geworden, insofern wurde auch die gelungene Namensentwicklung zu einem guten Geschäft.

Namen werden zu registrierten Marken und sind damit aus dem freien Verkehr gezogen. In diesem Sinne ließ auch Adib Fricke Name und Logo von The Word Company patentieren. Mit der Registrierung bewegt sich Fricke in Richtung kommerzieller Texterei und in der Tat übernimmt The Word Company auch Aufträge jenseits des Kunstfeldes. Wo und wie die Trennlinie präzise verläuft, müsste gesondert untersucht werden. Ein Kriterium, das über Kunstwort oder Wortkunst entscheidet, dürfte wohl darin zu sehen sein, inwieweit das freie Flottieren der Worte und die von ihnen transportierte Sinnlosigkeit erhalten bleiben. Adib Fricke zumindest, weist seine Protonyme, wenn er sie mit dem Logo TWC versieht, als künstlerische Arbeit aus. Während das heute immer häufiger auftauchende umkreiste »R« auf ein Wort als geschützte Marke aufmerksam macht, lenkt das TWC-Logo die Aufmerksamkeit auf den Autor des Wortes und seine Rechte. Es handelt sich um eine ins firmentechnische gewendete Signatur, aber auch um einen Verweis auf das Wort als Wort. Selbstreferenzialität war, zumindest für die Russischen Formalisten und ihre Nachfolger, ein entscheidendes Kriterium für Poetizität.

Als Ergebnis seiner Wortsuche für die Stadt München schlug Adib Fricke eine Reihe von Wortkonstruktionen vor. Ausgewählt wurde: QUIVID. Die beiden Silben können als Verweis auf das lateinische qui (deutsch: wer) und videre (deutsch: sehen) betrachtet werden. Doch trotz der benennbaren Ableitung ergibt das Wort keinen klaren Sinn. Es handelt sich primär um ein wohlkomponiertes Lautkonglomerat, das allenfalls assoziativ mit der Herkunft der Silben spielt. Versehen mit dem TWC-Logo wird in Zukunft jede Verwendung des Namens auch gleichzeitig die Realisierung einer künstlerischen Arbeit von The Word Company sein. Darüber hinaus entfaltet das Wort seinen Gebrauchswert dadurch, dass es die Summe der aus der 2-%-Regelung hervorgegangenen und von der Stadt München beauftragten Arbeiten mit einem Eigennamen benennt. Es gibt in der Geschichte der Markennamen Fälle, bei denen ein Eigenname einen Allgemeinbegriff ersetzt – Tesa etwa wurde zum Synonym für Klebeband, Tempo für Papiertaschentuch – , doch wird die Einführung des Protonyms QUIVID sicherlich nicht den Begriff Kunst am Bau aus dem Sprachgebrauch eliminieren, aber zumindest, so die Hoffnung, zurückdrängen, denn der Begriff funktioniert als Begriffsfalle, der offensichtlich nur schwer zu entkommen ist.

 

Auszug aus: QUIVID – Im öffentlichen Auftrag
© 2002 Heinz Schütz.

Hier finden Sie den kompletten Text von Heinz Schütz

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