2004/12/30
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Jedes Wort hat seinen Tag
Every Word has its Day
, 1999

ONOMONO and YEMMELS - Talk.Show

Beitrag zu
»TALK. Show«
Die Kunst der Kommunikation in den 90er Jahren

Von der Heydt-Museum, Wuppertal 1999
Raumfüllende Wandbemalung mit Protonymen und aus Wörtern bestehenden Einheiten
Projektseite/Project page Jedes Wort hat seinen Tag / Every Word has its Day

Haus der Kunst, München 1999
Wandbemalung, je 46 x 228 cm und Schilder, je 11 x 14,8 cm
Dokumentation/Documentation Jedes Wort hat seinen Tag / Every Word has its Day

English Text

 

Exposé

Ein fiktives Leitsystem ist der Beitrag von The Word Company für die zweite Station der Gruppenausstellung »TALK. Show – Die Kunst der Kommunikation« im Haus der Kunst, München.

Insgesamt sechs Protonyme gliedern die Ausstellung. In Form von Schildern, bedruckt mit den üblichen Informationstexten, und als Wandarbeiten – so präsentieren sich die Wörter auf farbigen Streifen stehend für den Zeitraum von drei Monaten als Mittler für die Beiträge der beteiligten Künstlerinnen und Künstler.



Pressemitteilung zur Ausstellung Talk.Show

Haus der Kunst, München

Der Ausstellungstitel ist ein populärer Begriff aus der Welt des Fernsehens. Seine wörtliche Übersetzung erschließt die Dimension, die für die Ausstellung von zentraler Bedeutung ist: Sprechen. Zeigen. 24 zeitgenössische Künstler beschäftigen sich mit dem Thema Kommunikation, mit Gelingen und Scheitern der Verständigung zwischen Menschen heute. Gezeigt wird ein Spektrum von Arbeiten der neunziger Jahre aus den Bereichen Malerei, Skulptur, Medienkunst und Rauminstallation. Einen Schwerpunkt bilden Kunstwerke, die die akustische Dimension der Sprache einsetzen. Ein Drittel der Arbeiten ist eigens für die Ausstellung entstanden.

Die Verbildlichung von Sprache spielt in der Kunst des 20. Jahrhunderts eine wesentliche Rolle. Als Metaphern für den lärmenden Großstadtalltag und als lautstarker Protest gegen die politischen Verhältnisse fanden Wörter und Texte Einzug in die Collagen und Montagen der Kubisten (Georges Braque, Pablo Picasso), Dadaisten (Marcel Duchamp, Kurt Schwitters) und Surrealisten (René Magritte, Max Ernst). Nach dem Zweiten Weltkrieg setzten sich vor allem Pop Art (Roy Lichtenstein, Andy Warhol) und Konzeptkunst (Joseph Beuys, Bruce Nauman) mit dem Vorgang des Sprechens und Mitteilens in einer von der Massenkommunikation beeinflußten Gesellschaft auseinander.

Hielten frühere Kunstrichtungen die logische Kommunikation meist für selbstverständlich, so dominiert heute eine skeptische Grundhaltung gegenüber sprachlichen Äußerungen und Kommunikationsformen. Sprache interessiert nicht als geschlossenes ikonografisches System. Im Spiegel unterschiedlichster Medien wird die Vielfalt ihrer Ausdrucksmöglichkeiten neu überprüft.

Was etwa wäre, wenn die Bilder in den Museen plötzlich anfingen, mit den Besuchern zu reden? Die Gemälde von Rémy Zaugg sind keine stummen Zeugen, sondern fordern den unmittelbaren Kontakt. Sprachliche Formulierung und Farbwirkung gehen zum Teil widersprüchliche Verbindungen ein. Das gesprochene Wort ist unberechenbar. Auch die Wandarbeit von Thomas Locher bricht mit den Konventionen des Tafelbilds. Unbarmherzig wird das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland befragt. Der individuelle Standpunkt ist gefordert. Speziell für TALK. Show hat Adib Fricke ein Ausstellungsleitsystem geschaffen, das aus Raumbezeichnungen und den Beschriftungen der ausgestellten Einzelwerke besteht. Fricke benutzt Praktiken der Werbebranche. Gleichermaßen hinterfragt er das Kommunikationsdesign innerhalb einer Ausstellung. Was ist das Werk ohne sein Label?

Die dramatische Welt der Filmtelefonate ist der Ausgangspunkt für die Videoarbeit von Christian Marclay. Ihm geht es weniger um Filminhalte, sondern um die Bedingungen eines Mediums, seine Mechanismen, Rituale und Fetischisierungen. Mit der Allmacht der Fernsehpriester beschäftigt sich Christian Jankowski. In seiner inszenierten TV-Kommunikation verschränken sich Hellsicht und Unverständnis. Hinterfragt wird die Wahrhaftigkeit der Medienwelt. Mit den Orten öffentlicher Kommunikation befaßt sich auch Heimo Zobernig. Aus dem Zusammenhang genommen und in mehrfacher Brechung seziert der Künstler den diktatorischen Anspruch unterschiedlicher medialer Ankündigungsstrategien und ihr Versagen.

Mit Grenzbereichen des Kommunikationsprozesses beschäftigt sich auf ganz andere Weise Yana Milev. Das Auf- und Abblenden ihrer rätselhaften Botschaften veranschaulicht die Ambivalenz von eindeutiger und zugleich offener Mitteilung.

Die Videoskulptur von Tony Oursler definiert eine Art Haut, an der sich Kommunikation bricht und verfügbar macht. Die Individualität der beiden gezeigten Wesen verschwindet hinter einer Sprache, die nicht die ihre ist.

Das Künstlerduo Clegg & Guttmann untersucht Kommunikation mit den Methoden der visuellen Soziologie. Ihre Installation Vérité ist wie ein Archiv zu benutzen und fungiert als Porträt der Mediengesellschaft.

Mit Symbolwerten der Unterhaltungsindustrie beschäftigt sich Pietro Sanguineti. Für die Ausstellung in der Film- und Fernsehstadt hat er eine Bühnenskulptur entworfen, die selbst eine Kommunikationsstruktur darstellt: Farben, Formen, Materialien und Mobiliar stehen für Stimmungslagen und Gefühlsebenen. Das Versprechen von Authentizität und sinnlicher Präsenz bleibt funkelnder Schein. Auf dieser Bühne finden während der Ausstellung zahlreiche Begleitveranstaltungen statt. Alle Veranstaltungen und die genauen Termine sind auf einem gesonderten Blatt aufgeführt, das ab Ende September erhältlich ist.

Christine Hill etwa stellt hier ihr neuestes Projekt Tourguide? vor, bei dem sie als eine Fremdenführerin eigenwillig durch die vielsprachige Metropole New York führt. Auch die Diskussionsveranstaltungen von Hinrich Sachs verstehen sich als soziale Skulpturen. Sie unterscheiden sich von normalen Talkshows durch einen reflektierten Umgang mit der öffentlichen Selbstinszenierung und der Formalisierung des Sprechens.

Das künstlerische Ausgangsmaterial der Videoarbeiten von Daniel Pflumm bilden Nachrichtensendungen und Trailer der Produktwerbung. Die starren Dogmen sind aufgelöst und werden mit einem neuen Rhythmus reanimiert.

Eine exklusive Expertenrunde hat das Künstlerduo M + M zusammengestellt. Zwölf Marias der Welt- und Kulturgeschichte antworten auf die Frage: »Wie entgehen wir der Sintflut?« Die historisch verbürgten Antworten sind über das öffentliche Telefonnetz abrufbar.

Der groteske Dialogue von Mike Kelley läßt Erinnerungen an früheste Kindheitstage aufleben. Er vereint das Erbarmungswürdige und das Erbärmliche unserer Kommunikation. In den Joke Paintings von Richard Prince spiegelt sich das fragwürdige Bild von Normalität, wie es Witze, Grundelemente unserer Alltagsverständigung, transportieren.

30 Jahre Fernseherfahrung bilden den Rahmen für die schrillen und farbenprächtigen Selbstinszenierungen von Pipilotti Rist. Vergeblich schreit und fleht die Protagonistin ihres Videos um Hilfe und versucht, das Gefängnis der Emotionen und Phantasien zu verlassen. Im Rahmen von Ausstellungsereignissen Kommunikation auszulösen, ist das Anliegen von Rirkrit Tiravanija. Er hat in der Ausstellung Telefone installiert, die unbekannte Besucher miteinander ins Gespräch bringen können. Der Austausch selbst bleibt jedoch von der Einsatzbereitschaft des Einzelnen abhängig.

Um die gemeinsamen Strukturen von Text und Textilien geht es Eran Schaerf. In seiner Arbeit untersucht er die kommunikativen Signale der Kleidung, die sogenannten Dress-Codes als entscheidende Parameter der Mitteilung.

Die Installation von Janet Cardiff besteht aus einem Holztisch mit unsichtbaren Sensoren. Beim Berühren der Oberfläche raunen Stimmen den Besuchern Geheimnisse zu.

Mit der Mehrfachlesbarkeit des sprachlichen Ausdrucks beschäftigt sich Hirsch Perlman und stellt die Übereinstimmung von Gezeigtem und Bezeichnetem in Frage.

Sam Taylor-Wood schließlich setzt sich mit dem Gelingen und Scheitern unmittelbarer Verständigung auseinander. Das gesprochene Wort und die nonverbale Kommunikation erweisen sich als gleichberechtigt, auch wenn die Präsenz der beiden Gesprächspartner neue Schwierigkeiten birgt.

Haus der Kunst, München
Kuratoren: Dr. Bernhart Schwenk und Dr. Susanne Meyer-Büser



Every word has its day

Contribution to
TALK. Show
The Art of Communication
Von der Heydt-Museum, Wuppertal 1999
Haus der Kunst, München 1999

 

Exposé

A fictional guidance system is The Word Company’s contribution to the second phase of the group exhibition »TALK. Show—the Art of Communication« now taking in place in the Haus der Kunst, Munich.

A total of six protonyms structure the exhibit. Presented in colored bars and in the form of signs printed with the customary informational texts or as murals, the words represent for the period of three months and serve to mediate the contributions of the participating artists.

Mural (arcylic paint), 46 x 228 cm each, and signs, 11 x 14,8 cm each

 

Press Release

Haus der Kunst, München

The title of the exhibition is a popular term used in the world of television. Twenty-four contemporary artists deal with the subject of communication—literally »talk« and »show«—and the success and failure of communication between people today. The spectrum of work, executed in the 90′s, includes paintings, sculptures, photography, video art, installations and performances. Emphasis has been placed on art works which implement the acoustic dimension of language. A third of the work was created specifically for the exhibition.

The pictorial representation of language played an important role in 20th century art. Words and texts appeared in collages and montages by the Cubists (George Braque, Pablo Picasso), Dadaists (Marcel Duchamp, Kurt Schwitters) and Surrealists (Rene Magritte, Max Ernst) as metaphors for the protest against political circumstances. After World War II, Pop Art (Roy Lichtenstein, Andy Warhol) and Conceptual Art (Joseph Beuys, Bruce Nauman) dealt directly with the process of verbal communication and the exchange of thoughts and information in a society influenced by mass communication.

Whereas previous art directions generally took logical communication for granted, all means of communication are treated with skepticism today. Today we are primarily interested in language as a medium of communication, but no longer as iconographic material. The selected artists in the exhibition Talk.Show re-examine the facets of verbal expression in the various media.

What if pictures were to suddenly talk to viewers in museums? The paintings by Remy Zaugg are not silent witnesses; they demand direct contact.. Texts and color contrasts reinforce or contradict each other. The spoken word is unpredictable. Thomas Locher’s wall piece also breaks away from the conventions of painting. It mercilessly tests the viewer’s understanding of the German Constitution and requires him to take an individual standpoint. Adib Fricke designed a display system for TALK.Show consisting of gallery signs and captions of the exhibited art work. Fricke uses advertising methods and thereby draws critical attention to communication design in an exhibition. The viewer is encouraged to ask: What is an art work without a label?

The dramatic world of famous film telephone scenes is the source of Christian Marclay’s video work. Instead of focusing on the subject matter of the respective film fragments, it directs attention to the conditions and implications of the medium, its mechanisms, rituals and how it becomes a fetish. Christian Jankowski deals with the authority of television priests. Clairvoyance and lack of understanding mesh in his fictional TV program and question the credibility of the media world. Heimo Zobernig’s work deals with the sites of public communication. Taken out of context and broken down, the artist dissects the dictatorial ambition of media announcement strategies and their failure.

Yana Milev deals with related fields of communication processes in a completely different manner. Her cryptic messages, alternately lit and dimmed, exemplify the lack of distinction between clear statements and ones left open to interpretation.

In Tony Oursler’s video sculpture, a projection on two cloth dolls defines a kind of skin on which communication breaks. The skin receives information and makes it visible. The individuality of both beings disappears behind a language which is no longer theirs.

Applying the methods of visual sociology, Clegg & Guttmann study stereotype communication forms. Their installation Verite is to be used as an archive and functions as a portrait of the media society.

Pietro Sanguineti deals with entertainment society’s »symbol values«. For the exhibition in the film and television city he designed a stage sculpture which in itself represents a communication structure: colors, forms, material and furniture represent registers of moods and levels of feelings. The promise of authenticity and actual tactile presence remains a shining illusion. Various shows will take place on this stage during the exhibition; a printed program of events will be available at the end of September. Christine Hill, for example, is going to introduce her new project Tour Guide? in which she guides tourists individualistically through multilingual metropolitan New York. The discussions organized by Hinrich Sachs may be understood as social sculptures. They differ from normal talk shows in that they consciously deal with role-playing and stereotype speech.

Daniel Pflumm uses newscasts and trailers from product advertisements in his video art. Rigid dogmas dissolve and are reanimated with a new rhythm.

The artist duo M + M has brought an exclusive round of experts together. Twelve Marias, historical and cultural personages who share the name Maria, answer the question, »How can we avoid the Deluge?« The historically authenticated answers are available through the public telephone network.

The grotesque Dialogue by Mike Kelley awakens memories from one’s earliest childhood. He unites the pitiful and despicable aspects of our communication.

The questionable picture of normalcy transported by jokes, which are elementary elements of our everyday communication, is reflected in Joke Paintings by Richard Prince.

Thirty years of television experience are the framework for the shrill, colorful solo performances by Pipilotti Rist. Her video’s protagonist screams and begs for help and tries to escape her prison of emotions and fantasies to no avail.

Rirkrit Tiravanija endeavors to provoke communication in the exhibition. He has installed telephones in the exhibition which enable unknown visitors to enter into conversation with each other. The extent of verbal exchange depends on the willingness of the individuals to participate.

Eran Schaerf is interested in the common structure of texts and textiles. He investigates the communicative signals of dress, the so-called Dress-Codes, as the definitive parameter of communication.The installation by Janet Cardiff consists of a wooden table with invisible sensors. Voices whisper secrets to visitors who touch its surface.

Hirsch Perlman deals with oral variations of verbal expressions and questions the agreement between the shown and the denoted.

In conclusion, Sam Taylor-Wood studies the success and failure of direct personal communication. Although new difficulties have to be overcome when both conversation partners are physically present, verbal and non-verbal communication prove to be of equal importance.

Haus der Kunst, München,
Curated by Dr. Bernhart Schwenk, Dr. Susanne Meyer-Büser

©2004–2017 Adib Fricke, adibfricke.com.