2005/11/03
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Spekulativ ist es nach wie vor, bei der zum Verkauf stehenden Domain kanzlerin.de mitzubieten. Aber mit großer Wahrscheinlichkeit wird es Frau Merkel trotz aller politischen Irritationen der letzten Tage schaffen, als erste deutsche Kanzlerin in die Geschichte einzugehen. Ob damit dann diese Domain tatsächlich ein Knüller sein wird, sei dahin gestellt. Immerhin gibt es aber bei Sedo.de, dem deutschsprachigen Ableger eines international tätigen Domainbrokers und -dienstleisters, schon 14 Angebote für die Domain, die vom Anbieter mit einem kurzen, vermutlich standardisiertem Text beworben wird: »Exzellente Domain und ein hervorragender Besucher-Zubringer auf Ihre Homepage. Diese Domain wird oft durch direkte Browsereingabe aufgerufen und hat demzufolge enormes Potential! Die Nutzung passender Internetadressen gilt als eine der preiswertesten und effizientesten Online-Marketingmassnahmen überhaupt. Durch Suchmaschinentreffer oder intuitive Direkteingaben im Browser können Sie damit die Besucherzahlen auf Ihrer Website dauerhaft vervielfachen. Bei Interesse geben Sie Ihr Gebot ab, denn nur ein Name mit hohem Wiedererkennungswert bringt Ihnen den gewünschten Erfolg.«

Doch anscheinend war bisher keines der (nicht einsehbaren) Gebote für den Verkäufer überzeugend genug, einem Besitzerwechsel zu zustimmen. Ein echter Profi eben, denn bei ein wenig Recherche zu dem Inhaber der Domain finden sich Hinweise darauf, dass dieser noch einige andere Domains im Angebot zu haben scheint. So taucht der Name des Inhabers z.B. in einer Liste zu .us-Domainregistrierungen auf: .US Registrations by Top Registrants, die von dem auf Fragen der Domainnutzung spezialisierten amerikanischen Juristen Ben Edelmann im Jahr 2004 zusammengestellt wurde. Er wollte damit zeigen, dass ziemlich viele Domains das immaterielle Eigentum weniger sind, genauer gesagt, dass zu diesem Zeitpunkt 142.958 Dot-Us-Domains von 3.460 Anmeldern registriert waren. Das entspricht einem Durchschnitt von 41,3 Domains pro Anmelder. Auf eine andere Domain musste der Inhaber der Domain Kanzlerin.de wohl ohne Ausgleich verzichten. Die Domain mini.name wurde in einem Schiedsverfahren dem Autokonzern BMW zugesprochen.

Das Horten von Domainnamen, die wie hier auf deutschsprachigen Lexemen und deren Pluralformen basieren, ist kein Einzelfall, es scheint eher übliche Praxis bei den entsprechenden Verkaufsplattformen zu sein. Auch bei einer anderen, als zufälliges Beispiel aus der fünfseitigen Top-Domain-Angebote-Liste bei Sedo.de ausgewählten Domain, bei telekommunikation.de, scheint ein professioneller Anbieter als Inhaber dahinter zu stehen. Auf dessen Webseite finden sich ca. hundert Begriffsvariationen der deutschen Sprache, die von abend.de bis zeuge.de als Domainvorrat angemeldet sind und zur Veräußerung bereit stehen. Im Gegensatz zum Markenrecht, das eine Bevorratung verhindert, gibt es für Domains keinen Nutzungszwang.

Glücklich also, wer es rechtzeitig geschafft hat, generische Begriffe und Wörterbucheinträge als Domains zu registrieren. Wer nicht so schnell war und trotzdem am Domainhandel teilnehmen will, muss sich mit Wortpermutationen wie diesen begnügen: urlaub-norden.de, bio-auto.de, diaetbibel.de, modeplanet.de oder neue-saegeblaetter.de. Ein einmal gefundenes Schema wird dann gelegentlich in verschiedenen Variationen durchregistriert: winterkredite.de, sommerkredite.de, herbstkredite.de, fruehlingskredite.de, beamtenkredite.de. Auch die Verbindung von Substantiven mit einem Artikel bleibt noch als Möglichkeit wie es z.B. dasbildnis.de, dasteleskop.de, derkandidat.de, diedebatte.de oder mit Bindestrich geschrieben die-eisdiele.de zeigen. Letztere stammen alle aus der Sedo-Sonderangebots-Rubrik »NicePreis«, in der sich Domains für bis zu 300 EURO tummeln.

Wer richtig ins Geschäft einsteigen und nicht mit flinken Wortschöpfungen wie doppelkanzler.de zeitnah auf die aktuelle Nachrichtenlage reagieren will, braucht neben Werkzeugen auch Material für die Permutation neuer Domainkomposita. Bei der Suche nach dem Begriff »Wortlisten« fand sich in einem Forum zum Thema Domainnamen ein entsprechendes Tausch- bzw. Verkaufsangebot.

»… nicht wirklich spannend:
- Verlaufsformen von Verben
- Genetiv Formen von Subjektiven
- ä,ö,ü sind durch ” verunstaltet…
Habe allerdings interessantere Listen zum Kauf / Tausch anzubieten.
- Reine Substaniv Listen (Singular / Plural) ca. 60’000 Worte
- belegte Domain Listen (bis zu 300’000 Stück)«

Sedo, der Marktführer bei der Vermittlung zwischen Domainverkäufern und -interessenten, wirbt damit, mehr als eine Million Domains im Angebot zu haben. Das Einstellen eines Angebots kostet nichts, nur wenn es zu einem Verkauf kommt, wird eine Vermittlungsgebühr fällig. Da ist es geradezu verlockend, sogar noch Domain-Restposten auf die Liste zu setzen, in der Hoffnung, sie mögen einen Interessenten finden, ehe sie mit Fälligkeit einer neuen Jahresgebühr endgültig im Nirwana schnell untergegangener Wortideen landen. Mit der Hoffnung ist das so eine Sache, zumindest die-hoffnung.de ist ebenfalls vergeben und leitet – das Browserfenster bis an den Bildschirmrand sprengend – zu einem Mailbox-Dienstleister um. Natürlich ist immer eine »marken- und namensrechtliche Überprüfung des Domain-Namens … vom Kunden vor der Beantragung durchzuführen«, schreibt Sedo; Verkäufer und Broker haften nicht.

©2004–2012 Adib Fricke, adibfricke.com.