2004/12/30
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Begleitender Text zu
Marmelade aus Mexiko

Gerrit Gohlke

Über Google zu suchen,
wann man letztes Jahr Heuschnupfen bekommen hat

Marmelade+aus+Mexiko%22&meta=

Beobachten Sie sich selbst. Sie folgen einem Reflex, wenn Sie mit Ihrer Suchmaschine sprechen. Es ist eine Mischung aus Jagdinstinkt und Stottern. Sie fallen in die frühen Tage Ihres Spracherwerbs zurück. Sie denken nicht mehr in ganzen Sätzen, sondern suchen das entscheidende, Ihre Wünsche komprimierende Wort. In einer halbbewussten, zielgerichteten Hast verwenden Sie sinnlose Formulierungen, verwandeln komplizierte Wünsche, Hoffnungen und Begierden in Schlagworteinträge, die keineswegs einer gesicherten Systematik folgen, sondern das bloße Echo Ihrer statistischen Spekulation über die Konventionen im Internet sind. Sie tragen in die Eingabezeile ein, wie das Netz spricht. Sie folgen Ihren Erwartungen an das eine Wort, das Ihr Ziel von allen anderen Angeboten unterscheidbar macht. Vielleicht erinnern Sie sich auch plötzlich an Ihre Sehnsucht nach einer beständigeren Liebe und geben auf Google going to stay forever ein.

Was soll die Maschine Ihnen antworten? Am 9. Juni 2003 wird die Ergebnisliste von einem Diskussionsbeitrag über Iraksanktionen angeführt, gefolgt von neuseeländischen Reflexionen über die verjüngende Wirkung der Nanotechnologie und, auf dem dritten Platz, Strategemen zur Umerziehung der zögernden Internetpassanten in automatenhafte Konsumenten. Man könnte annehmen, Sie seien vielleicht enttäuscht. Google bietet Ihnen auf den vorderen Plätzen der Ausgabeseite keinerlei Anleitung zur emotionalen Sesshaftigkeit an und deutet Ihre Sehnsucht in technokratische Kontexte um. Doch wollten Sie überhaupt etwas finden? Sie hätten sich auch mit der Frage Geht das immer so weiter? an Google wenden können. Wer so fragt, erwartet keine Lösungen, sondern führt ein orakelhaftes Zwiegespräch, für das die angebotenen Informationen zur Trainingsmethodik im Ski-Weltcup oder eine Handelsblattempfehlung für prekäre Marktentwicklungen abstrakte Beigaben sind. Die Suchmaschine ist Ihr Selbstgespräch. Natürlich könnten Sie Rechtsfragen des Konkubinats eintragen und 16 advokatische Antworten archivieren, aber das ist ein ungewöhnlicher Fall. Wenn man auf den Live-Seiten der Suchmaschinen die laufenden Einträge anderer User wie einen Nachrichtenticker aus dem kollektiven Unterbewussten liest, erkennt man den Takt, in dem aus plötzlichen Impulsen Kategorien werden: MOTORSENSE, TAMPON GIRL, STAMMAPOSTEL FEHR. EROFILI BEACH HOTEL, STEINZEUGROHR, FÜHRERSCHEINENTZUG, TOTER IM ZELT? Welches Zelt? Kommt es auf die Antworten an?

Das sprachliche Echo der Wünsche entwickelt seine eigene Autonomie. Man kann es als den Beginn eines spontanen künstlerischen Eigensinns deuten, wenn der Mikrobiologe seinen Rechner ?HL=DE&IE=UTF-8&OE=UTF-8&Q=%22WILL+ICH+DAS+WIRKLICH%3F%22 &BTNG=GOOGLE+SUCHE&META= fragt und die Maschine in ihrer Suchvorschau vollkommen zufällig »Was kostet mich das?« sagt. Wer Konversation mit Google macht, schreibt keinen Text, sondern fertigt ein sprachliches Konzentrat seiner Wünsche an, ganz so, als wollte man Liebeserklärungen in einem Multiple-Choice-Formular artikulieren. Schon möglich, dass speaking in the 1st person nach einem grammatischen Ratschlag (oder einem Recherchekursus) verlangt. Man ahnt, welchem, im Grunde bescheidenen, Fetisch der Absender von Frauen beim Rauchen nachjagt. Google ist die Weltrangliste eines Informationsangebots, in der nicht nur persönliche Begierden ausgelotet werden, sondern publizierende Wissenschaftler und ausstellende Künstler regelmäßig sich selbst suchen, um in der Anzahl der Suchergebnisse ein Spiegelbild ihrer Existenz zu erhalten. Google ist nicht fiktiv. Google ist ein Markt, eine Arena mit Bandenwerbung und Lizenzeinnahmen und in der Welt des Internet ein hoheitliches Institut. Doch die Suchworte der Anwender sind nicht Google. Sie sind Augenblicke, in denen sich die Sprache einer Maschine, dem Instinkt und der Aussicht auf eine primitive enzyklopädische Ordnung unterwirft. Google ist eine weltumspannende Omnipotenzphantasie.

Was also hat Adib Fricke im Treppenhaus des Instituts für Mikrobiologie und Hygiene der medizinischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin installiert, als er eine Serie anonymer Suchbegriffe stufenweise ansteigend auf den Putz auftrug? Den Gegensatz von Dauer und Spontaneität? Ein Symbol für informationstechnische Uniformität? Ready-Made-Lyrik? Peinture automatique?

Mehr als um all dies geht es um Worte, die bar aller Kontexte und Mitteilungsabsichten ein funktionales Eigenleben beginnen, latent absurd, Chiffren eines mechanischen Prozesses. Fricke hat auf den im 10 Sekundenryhtmus aktualisierten Live-Suche-Seiten mitgelesen und sich in fremden Logfiles* bedient. Er hat Köderseiten ins Netz gestellt und die Besucherdaten ausgewertet. So ist eine Gruppe von Zeichen entstanden, die nie über das hinauswachsen, was sie als Suchworte ihrer Absicht nach sind, die aber umgekehrt autonom genug sind, nicht ganz in der künstlerischen Installation aufzugehen, mit der sie zu einem abstrakten Muster im Treppenhaus geworden sind. Fricke ist ein Experte solcher Zeichen. Er ist der Betreiber von The Word Company (TWC), die Protonyme, bedeutungslose Kunstworte, erfindet und mit allen Mitteln des Marketings als künstlerische Universallösung bewirbt. Die ironische Marktschreierei, mit der seine Webseiten vorsätzlich sinnlosen Zeichen wie SWOKS, ONOMONO oder RIMITOM zu einer öffentlichen Aufmerksamkeit verhelfen, setzt ihre spätere malerische Verarbeitung Nike®, Persil® oder Canon® gleich. Kunst wird in die Nähe der Produktwerbung gestellt, um in prekären Grenzen zugleich erfinderisches Gegenzeichen zu bleiben, Praxis auf der Kippe zwischen Markt, Selbstvermarktung und trotzig-ironischer Eigentümlichkeit.

Genau so verhält es sich auch mit den Suchworten, die in der Charité ausgestellt sind. Sie erfüllen mit Anstand die Anforderungen einer künstlerischen Installation, streuen Bezüge, Fragen und Referenzen und setzen sprachliche Echos der Suchaktivität frei. Zugleich mit der Erinnerung, dass Recherche eine sprachliche Grundlage hat und nicht selten ein Mirakel unsprachlicher Wünsche ist, löst sich Frickes künstlerische Intervention dauernd aus ihrem kunstprofessionellen Selbstbewusstsein heraus und wird wieder zu dem instrumentellen Wunschmaschinenstottern, als welches sie der Künstler frei Haus übernommen hat. So viel kann die Kunst. Und so fällt sie jederzeit in ihren Kontext zurück. Das ist auch als skeptische Kritik der Kunst gegen sich selbst nicht wenig. Und da demonstriert sie im Forschungsinstitut unversehens, was man ihr zu oft nachzusagen pflegt: Ein nachahmenswertes Maß an Selbstreflexion und einen Blick auf die Außenwelt.

 

* Logfiles sind die serverseitig angelegten Protokollverzeichnisse, in denen die Seitenzugriffe gezählt und aufgezeichnet werden. Sie enthalten auch sogenannte »Referrer«, also Verweise zu den Herkunftsseiten, von denen aus ein User die protokollierte Seite erreicht. Unter anderem lässt sich so feststellen, über welchen eingegebenen Suchbegriff ein User bei einer Suchmaschine die Zielseite gefunden hat. Adib Fricke hat solche Referrer nicht nur auf seinem eigenen Server gesammelt, sondern danach auch auf fremden, fahrlässig ungesicherten Servern gesucht.

 

© 2003 Gerrit Gohlke und Adib Fricke, The Word Company.

©2004–2017 Adib Fricke, adibfricke.com.