2004/12/30
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Text zu der Arbeit
Words to Go II, 2001

Gerrit Gohlke

SMORP

Über Adib Frickes öffentliche Intervention

Es gibt in Adib Frickes Kunst ein optimistisches und ein pessimistisches Moment. Welcher dieser beiden Pole in den Vordergrund tritt, hängt vom Standpunkt des Betrachters ab.

Optimistisch ist die Verschwörung des Künstlers mit dem Betrachter gegen die Kunst. Nicht gegen die Kunst im ganzen vielleicht, aber gegen ihren Anspruch und gegen ihre überzogenen Mittel. Gegen den metaphysischen Ernst der Kunst und gegen ihre beiläufige Verklärung eines gut laufenden Marktbetriebs setzt Fricke die Selbstbescheidung des Erfindungsgeists. Ganz gleich, wie abstrakt die Wortgebilde sind, aus denen Frickes Kunst besteht; egal, wie autonom sie sich geben: Sie lösen schnell ein Gefühl des kollaborativen Einverständnisses aus, so, als bliebe dem Publikum etwas erspart. Das soll nicht heißen, daß Künstler meist schlechte Kunst herstellen oder der Künstler Fricke mit seinen Werken eine schlechtere Kunst nur vermeidet. Seine Wortneuschöpfungen, die keinen Gegenstand bezeichnen und keine Erfahrung aussprechen, vermitteln dem Betrachter das Gefühl, noch einmal davon gekommen zu sein. Der Aufwandsapparat, den die Kunst bemüht, um zugleich kritisch und erhaben zu sein, ist bei Fricke stillgelegt. Die raumgreifende Egozentrik des Artefakts, dessen logischer Bestimmungsort das Zentrum einer gutausgeleuchteten Ausstellungsfläche ist, schrumpft bei Fricke zu einer beiläufigen Ökonomie. Deren Wirkungsmittel sind die Fertigkeiten einer genügsamen Gebrauchsgrafik, ihr Arbeitsinstrumentarium ist nichts anderes als ein Marketingkonzept. Der Künstler führt das Pathos der konzeptuellen Kunst und der minimalen Gesten auf die Grundzutaten der Rezeptur zurück: Auf die Plakatmalerei und das Signet-Design. Nicht diese Radikalität aber weckt das Einverständnis des Publikums, sondern die Ironie, mit der sie sich präsentiert. Neben Frickes Sprachvariationen auf Ausstellungsplakaten wirkt eine ästhetische Großinstallation fast neurotisch. Wahrnehmbar werden diese Reduktionskunstgriffe vor jeder theoretischen Reflexion als eine Verweigerung: Als Konter gegen das ästhetische Überangebot.

Natürlich ist Adib Fricke nicht der erste, der Kunst aus Worten macht. Er ist auch nicht der erste, der die Lücken zwischen dem Zeichen und dem, was es bezeichnet, in sprachlich-grafische Vexierbilder transformiert. Wo die Konzeptkunst auf ihren analytischen Hintergrund verweist, verschweigen seine Schriftminiaturen jedoch, daß sie sich auf einen Fundus zeichentheoretischer Lektionen beziehen. Diese Kunst aus bedeutungslosen Worten unterschlägt ihre linguistischen Bezüge und ästhetischen Hintergründe und schleust sich als alltäglicher Irritationsfall in den Kommunikationskreislauf ein. Während die Konzeptualistenkollegen in den Museen aus ihren Sprachspielen schon fast wieder erhabene Fresken machen, konstruiert Fricke ein Refugium der Bedeutungslosigkeit, in dem nicht ein gefestigtes ästhetisches Programm als öffentlicher philosophischer Diskurs feilgeboten wird, sondern Reste der zirkulierenden Sprache und der Lautbildung wie eine Ware zu Markt getragen werden. Hierin liegt die Methodik dieser Kunst: Sie präsentiert etwas Privates, die Willkür eines unsinnigen Lauts, die Verweigerung einer dokumentierbaren Erkenntnis auf den ersten Blick mit den Mitteln der Medienvermarktung. Keine Debatte wird dem Konsumenten hier angetragen, sondern ein beiläufiges Murmeln mischt sich in das Konzert medialer Texte, nicht am Ort und Platz der privaten Existenz allerdings, sondern höchst offensiv im typographischen Kleid signalfarbiger Firmenlogos, als offeriere ein Konzern seine Geschäftsidentität in der üblichen gewerblichen Schönschriftkultur. Das ist Adib Frickes einladendes Angebot: Der Nicht-Sinn als Warenzeichen. Deshalb führen seine Neuwörter das Kürzel TWC wie die Parodie eines Trademark-Zeichens mit. Es steht für The Word Company, Adib Frickes Kunstmarkt-Label, die Signatur seiner Zeichenmanufaktur.

So geraten autonome Wortbilder in Umlauf. Auf den Rückseiten der Automatenfahrkarten der Nürnberger Verkehrsbetriebe wechseln sich drei Protonyme ab. Das Personal wird in umständlichen Schulungen unterrichtet, daß die Hinzufügungen SMORP, MIPSEL und RITOB in 200.000 Fällen keine Entwertungen gültiger Fahrscheine sind. Die Bürger verkehrten mit Kunst in der Tasche. An den Automaten wurden sie über den Urheber der Maßnahme unterrichtet, nicht aber über den Künstler und Protonymerfinder, sondern über die The Word Company. Sie werden zu Adressaten der gleichen Methode, mit der Adib Fricke auf seinen Internetseiten im marktschreierischen Ton der Illustriertenschlagzeilen das Wort für den Tag… offeriert, unter anderem auch SMORP, MIPSEL und RITOB. Irritierend wirkt die Kunst hier erst auf den zweiten Blick. Weit augenfälliger als ihr Störmoment in der Kommunikationseffizienz eines Nahverkehrssystems ist gerade umgekehrt die Integration des Absurden in die Zeichensprache alltäglicher Konventionen der Verständigung. Daß die Demonstration der Bedeutungsverminderung sich ebenso in Kunst- wie in Verkehrsinformationen einpassen läßt, ist der eigentliche Nachweis, den die protonyme Miniatur im öffentlichen Raum erbringt. Diese Öffentlichkeit, so die schwer abweisbare Suggestion, ist eine übertriebene Vorstellung von den Wirkungsmöglichkeiten der Kunst.

Öffentliche Kunst also ist hier die Ironie, mit der die vermarktete Sprachfigur als Kunst hingenommen wird, und sie ist der Hauch Resignation, mit der die Kunst selbst sich in ihre parasitäre Anwesenheit fügt. Adib Frickes Interventionen strahlen nicht den verklärenden Leichtsinn einer Legion künstlerischer Bauverzierungen aus, die öffentliche Kunst häufig vom Stadtraumdesign ununterscheidbar macht. Fricke nutzt pathosfrei und im Vorübergehen das Verkehrssystem als Kommunikationsnetzmetapher. Seine Netzkunst wird entlang der U-Bahn-Linien und Busverbindungen transportiert. Sie steckt neben den übrigen Legitimationspapieren und Portemonnaieinhalten. Sie hat die größtmögliche Nähe zu den öffentlichen Gewohnheitshandlungen eingenommen, den Schein eines öffentlichen Diskurses dabei aber abgelegt.

Das Gastspiel, daß die Kunst dabei der Stadt gibt, ist keineswegs triumphal. »Words to Go« ist das selbsttätige Zirkulieren einer Kunst, die außerhalb des Kunstsystems mitläuft. Dies ist die pessimistische Gegenperspektive auf die Kunst als geringfügiges Begleitsystem: Adib Fricke demonstriert zugleich mit seiner Praxis der Reduktion die Einsicht der Kunst in ihre öffentliche Randposition. Kunst kann in janusköpfiger Ironie ihre Nähe und ihren Abstand zu den Techniken der Marktöffentlichkeit erweisen. Einfluß auf etwas so leibhaftiges wie den sozialen Raum, in dem sie sich bewegt, erlangt sie nicht. Adib Fricke gibt das zu bedenken. Denkmale, die man in die Tasche stecken kann, lassen sich in dieser Hinsicht erkenntnisstiftend drehen und wenden, und sind also unbedingt nützlich.

 

Erschienen in: log.buch. Materialien zum Ausstellungsprojekt »log.in – netz | kunst | werke«. Herausgegeben von der Arbeitsgemeinschaft Kultur im Großraum Nürnberg, Fürth, Erlangen, Schwabach in Zusammenarbeit mit dem Institut für moderne Kunst Nürnberg. Nürnberg 2001.

© 2001 Gerrit Gohlke und Verlag für moderne Kunst Nürnberg.

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