2005/07/30
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Text zur Ausstellung Can I Feel Your Magic?, Villa Grisebach Gallery, Berlin 2005
Gerrit Gohlke

Echo Autonomie

Bevor am Ende fast alles beim alten blieb, hatten Soziologen, Ökonomen, New Economy-Auguren und Künstler die Revolution prophezeit. Nicht nur die Begrenzung unserer unbeholfenen Körper, auch die Diktatur der Schriftzeichen würde im Internetzeitalter aufgehoben. Nur noch von unserer Phantasie bestimmt sollten wir uns durch den gerade entstehenden virtuellen Raum bewegen, in dem jeder sich nach seinen Wünschen neu erfände. Von der Cyberdemokratie bis zum Cybersex stünde uns mit dem Computer eine unbegrenzte Körpererweiterung der unendlichen Möglichkeiten zur Verfügung. Unsere Selbstverständigung als Netzbürger und unser Zweitleben als fehlerbereinigte Spielfiguren würde sich in dreidimensionalen bildhaften Räumen ereignen und wäre der alten Welt mit ihren bleiernen Lettern, schwer zu hebenden Folianten und staubigen Bibliotheken enthoben. Die neue Welt wäre ein Reich der Bilder. Text, das war die Vergangenheit.

Dass die virtuelle Sphäre von Beginn an eine unendliche Textwüste war, ein permanenter Strom der Kommentare, Repliken, Zwischenrufe und Selbstbeschreibungen, ein Kosmos der Schwarzen Bretter, eine Setzkastenwelt voller Eingabefelder, ignorierten die neuen Propheten oder sie wussten es nicht. Die schöne neue Bilderwelt, in der Atavare intuitiv durch Datenlandschaften flanieren würden, musste erst noch entworfen werden. Sie war letztendlich ein Traum, der allein in Hollywood-Drehbüchern und den Millionenproduktionen der Computerspielindustrie ausgestaltet wurde, während das Internet ein großer wuchernder Archivraum blieb, eine Registratur der Ideen und Traktate, der Skurrilitäten und Privaterfahrungen, eine weltweite Wandzeitung der Gewinnsucht und der Abseitigkeiten, eine bezaubernde Welt, in der staatliche Autorität und hanebüchener Unsinn die verdiente Koexistenz eingingen. Bunt war das Dekor der Homepages und das Design der Benutzeroberflächen. Was man hingegen mit Suchmaschinen finden, speichern und sammeln konnte, wurde schwarzweiß in der ordinären Typografie von Times oder Arial angezeigt. Die Ordnung kam mit der Schrift in den Fundus der Daten, und wie sonderbar die Inhalte auch waren, die im World Wide Web ihr demokratisches Schaufenster fanden, gemeinschaftsstiftend war erst der Text, der in Gästebüchern, Kommentaren, Links und Verzeichnissen strukturierte, was an Erkenntnissen und Privatheiten auf die Server geschaufelt wurde. Das Internet ist noch heute eine Bibliothek der Annotationen, und ihre öffentlichen Foren von den alten Diskussions-Bulletin Boards akademischer Herkunft bis zu den Spezialinteressengruppen kommerzieller Servicedienste leben nie vom bildhaften Inhalt allein, sondern speisen sich aus dem Wechselspiel von Rede und Antwort.

Auf diese Weise ist in den letzten fünfzehn Jahren eine Kultur des Kommentars entstanden, die keineswegs mit der anfänglichen Utopie einer allseitigen Verständigung freier Netizens zu verwechseln ist, sondern einen merkwürdigen Zwischenraum des Begehrens und der Begierden markiert, in dem nichts real ist, aber alles für möglich gehalten wird; in den alle Intimitäten einfließen, aber niemand für sein Gebaren verantwortlich zeichnet. Kulturapokalyptiker mögen in diesem Reich der radikalen Zwischenrufe einen Verfall der Zivilisation oder einen Anreiz zur Persönlichkeitsspaltung vermuten, weil labile Gemüter in den vagabundierenden Kommentargesellschaften des Usenet, in den Yahoo-Foren oder auf den Moblog-Servern (auf denen jedermann seine Mobiltelefonfotografien veröffentlichen und zur Diskussion stellen kann) zuweilen den Kontakt zur erwartungsdämpfenden Realität zu verlieren scheinen.

Die Foren der Chatsysteme und Communities ersetzen aber nicht die Alltagswelt, sondern simulieren in einer Sphäre der Spezialinteressen, der entfesselten Sexualität oder des ungehemmten Voyeurismus eine Ersatzalltäglichkeit zweiter Hand, in der alles denkbar und behauptbar wird, ohne dass man je die Ernsthaftigkeit seiner Absichten und Ansichten unter Beweis stellen müsste. Wie in anderen Subkulturen legen die Teilnehmer die Einschränkungen ihrer gesellschaftlichen Rolle ab und verabreden sich in geschlossenen Interessengruppen zu fetischistischen Praktiken, von denen sie vermutlich vor dem Eintritt ins Internet nicht einmal ahnten, dass es sie gibt, oder kommentieren die Meinungen und Selbstdarstellungen anderer mit einer Radikalität, zu der sie im Alltag nie in der Lage wären. Am Ende schildern sie ihre Phantasien mit einem theatralischen Nachdruck als Realität, der nur als Kompensation der Kluft deutbar ist, die in einer ästhetisierten Konsumgesellschaft das Ideal von der banalen Wirklichkeit trennt.

Es sind drei Stufen, in denen sich der User in diese Zweitwelt der Internetforen einbürgert: Die kurze paradiesische Phase, in der alles wirklich erscheint; die Phase der Desillusion, in der alle Äußerungen auf ihre Täuschungsabsicht untersucht werden und der Neubürger mit verbitterter Wut den Fakes, den erlogenen Scheinexistenzen nachjagt, von denen er sich an der Nase herumführen ließ; schließlich die Phase der Initiation, in der das Internet sich ihm in jeden sekundären Karneval verwandelt, dessen Teilnehmer im Spiel imaginieren, was sie nicht erlangen können. In diesem Reich der Reality-Imagination erscheinen Kontakte so lange verlockend, bis man sie in die Realität überführen müsste. Verabredungen werden nur mit der Absicht getroffen, über ihren verheißungsvollen Ausgang zu fantasieren; und irgendwoher gestohlene Fotografien werden als Dokumente eigener Erlebnisse präsentiert, um ungestraft behaupten zu können, man habe an den auf ihnen dargestellten exotischen Erfahrungen partizipiert. Auch wenn es Nymphensittichforen gibt, die von tatsächlichen Nymphensittichzüchtern bevölkert werden, und sich in Aknediskussionsgruppen mutmaßlich Aknepatienten zu Wort melden, wird ein bedeutender Teil des dämonisierten virtuellen Raums von konjunktivischen Diskussionen und maskierten Identitäten bevölkert, deren beschränkte Haftung jedermann schnell einsichtig wird und die auf eine etwas banalere und demokratisiertere Weise fortsetzen, was schon Anfang der 90er Jahre der Urgrund virtueller Communities gewesen ist: Das gemeinsame, permanente Fantasy-Rollenspiel, auch wenn seine Fiktionen heute wie die Reality-Formate des Fernsehens eine viel gewöhnlichere und alltagsvergleichbarere Form angenommen haben.

Wenn Adib Fricke also in seiner Installation und Werkreihe Can I Feel Your Magic? Kommentare aus Internet-Foren zum Bildinhalt gemalter Tafeln und raumhoher Wandgemälde erhebt, zitiert er Fiktionen, die Wirklichkeit sein könnten, und eignet sich eine Wirklichkeit an, die Realität kommentiert als sei sie erdacht. Fricke konzentriert seine Arbeit, den dritten Teil einer Trilogie zu Sprachformen und Verheißungen des Internets, auf die Annotationen, die Besucher in öffentlichen Fotoalben hinterlassen haben. Anonymisierte User hinterlegen darin kurzlebige Schnappschüsse, die sie mit ihren Mobiltelefonen fotografiert und direkt auf einen Server im World Wide Web gesendet haben – ein Verfahren, das sich inzwischen zu einer noch größeren Massenbewegung zu entwickeln scheint, als es bislang bereits die reinen Textblogs waren, in denen Privatleute sich in politische Redakteure und Feuilletonisten verwandelten, um zu kommentieren, wie sie die Welt betrachten.

In den Moblogs, wie die Fotografieforen sich in Anlehnung an die essayistischen Weblogs nennen, tauchen Bilder als zufällige Augenblickaufnahmen aus dem Alltag Unbekannter auf. Sie zeigen Landschaften, Familienszenen und Voyeurismen. Sie huldigen pathetisch der Schönheit, vervielfältigen Banalität oder denunzieren Intimität. Sie verbinden sich zu einem Strom nutzloser Momente, an dem jeder teilnehmen kann, um sogleich wieder in seiner Vielfalt unterzugehen. Die Bilder zeigen alles und jedes. Auch wenn sie klassifiziert und von den Betrachtern bewertet werden, erreichen sie selten die reflexive und wirkungsbemühte Mitteilsamkeit der älteren Textblogs und bleiben genau das, was Fricke für seine Arbeit sucht: Foren mit ihrem typischen Wechsel von Inhaltszufluß zu Kommentar, ein dauerndes Vexierspiel aus zufälligem Ausschnitt und zufälligem Echo, ein ständiger Umschlag von Bild in Text, von Repräsentation und Reaktion, ein fast automatisiertes System, in dem ein willkürliches, visuelles Zeichen erst dann eine Bedeutung gewinnt, wenn es eine verbale Reaktion provoziert.

Fricke erfasst die Textfragmente mit der gleichen malerisch-typografischen Systematik, mit der er seine Protonyme präsentiert, eine Werkgruppe, in der inhaltlich bedeutungslose Wortneuschöpfungen nicht nur zu Wandbildern oder Plakaten, sondern auch zu typographischen Markenzeichen werden. Die Protonyme sind Wort-Bild-Marken des Nicht-Sinns, die in malerischer Erhabenheit die Bedeutung verweigern, die sie so aufwendig zu repräsentieren scheinen, um so in einer stilisierten und gestalteten gewerblichen Umwelt zu Sinnbildern des künstlerischen Niemandslands zu werden. Can I Feel Your Magic? unterstellt den Kommentaren der Moblogs eine vergleichbare Funktion: Selbstreferentielle Zeichen an selbstreferentielle Zeichen zu knüpfen. Rüde, radikalisierte und typisierte Kommentare werden in ihnen als Signatur an zufällige Abbilder der Umwelt geheftet und geraten zu Partikeln in der Ökonomie eines unendlichen Echosystems, in dem die momentweise Autonomie eines Kommentars die momentweise Autonomie einer zufälligen Bildproduktion beglaubigt. Der Künstler, von dem man häufig nicht weiß, ob man seine Lakonie einem radikal systematischen Konzeptualismus zurechnen soll oder in ihr die Selbstbeschränkung melancholisch-ironischer Interventionen in einer ästhetisch überlasteten Medienwelt erkennen will, spiegelt ausgerechnet diese Sekundenautonomie im Pathos malerischer Tafelbilder wieder. Er formt so Datenpartikel als Gemälde ab, die sich ihre Autonomie aus dem medialen Rauschen entlehnen, bis am Ende der Zwischenruf des anonymen Users zum Minimalismus purer Kunst geworden ist. So entsteht nicht nur ein lakonisches Abbild des Individuums im virtuellen Raum. Das Publikum sieht auch ein Nachbild der Autonomiebemühungen aus der anonymem elektronischen Sphäre in der autonomiegewohnten Kunst. Das ist nicht nur ein Verweis auf die Funktion des Internets in der Gesellschaft. Es ist auch ein Fingerzeig für den Handlungsspielraum der Kunst. So viel medialer Realismus ist selten.

 

© 2005 Gerrit Gohlke und Villa Grisebach Gallery.

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