2005/03/16
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In einem Interview mit der Zeitung Die Welt (Ein Bild ist es nicht. Was ist es dann?, 2.2.05) sprach Georg Baselitz vom Schuhe malen:

»Von meinen Stalinbildern sind nur zwei, drei gut. Die anderen hab ich überstrichen. Nach meiner Theorie: Ein Ding über das andere malen. 1963 habe ich meine ersten Füße gemalt, und diese Füße kommen jetzt immer wieder vor. Inzwischen habe ich Füße mit Schuhen gemalt, mit schwarzen Schuhen. So genannten Halbschuhen. Schwarzen Herrenhalbschuhen. Inzwischen hängt mein ganzes Atelier voll mit diesen Halbschuhen. Ein bißchen idiotisch, aber so lange es geht, mach’ ich das. Es ist nur blöd zu sehen, daß überall diese Halbschuhe herumhängen, manche mit Hosenbeinen. Gestern fiel mir nun ein, nachdem ich so 30 Halbschuhe gemalt habe: Mal doch mal nur – ein genialer Einfall! -, mal doch mal nur die Halbschuhe, ohne Hose. Nur die Halbschuhe. Und siehe da, es funktioniert. Es ist so doppelbödig, daß man davor steht und sagt: Ein Bild ist es nicht. Was ist es dann?«

Ob Baselitz zuvor bei Martin Heidegger in Der Ursprung des Kunstwerkes geblättert hat? Dort heisst es:

»Doch welcher Weg führt zum Zeughaften des Zeuges? Wie sollen wir erfahren, was das Zeug in Wahrheit ist? … Wir wählen als Beispiel ein gewöhnliches Zeug: ein Paar Bauernschuhe. Zu deren Beschreibung bedarf es nicht einmal der Vorlage wirklicher Stücke dieser Art von Gebrauchszeug. Jedermann kennt sie. … Für diese Nachhilfe genügt eine bildliche Darstellung. Wir wählen dazu ein bekanntes Gemälde von van Gogh, der solches Schuhzeug mehrmals gemalt hat. Aber was ist da viel zu sehen? Jedermann weiß, was zum Schuh gehört. … Entsprechend der Dienlichkeit sind, ob zur Feldarbeit oder zum Tanz, sind Stoff und Form anders. … Das Zeugsein des Zeuges besteht in seiner Dienlichkeit. Aber wie steht es mit dieser selbst? Fassen wir mit ihr schon das Zeughafte des Zeuges? Müssen wir nicht, damit das gelingt, das dienliche Zeug in seinem Dienst aufsuchen? Die Bäuerin auf dem Acker trägt die Schuhe. Hier erst sind sie, was sie sind. Sie sind dies um so echter, je weniger die Bäuerin bei der Arbeit an die Schuhe denkt oder sie gar anschaut oder auch nur spürt. … Solange wir uns dagegen nur im allgemeinen ein Paar Schuhe vergegenwärtigen oder gar im Bilde die bloß dastehenden leeren, ungebrauchten Schuhe ansehen, werden wir nie erfahren, was das Zeugsein des Zeuges in Wahrheit ist. Nach dem Gemälde von van Gogh können wir nicht einmal feststellen, wo diese Schuhe stehen. Um dieses Paar Bauernschuhe herum ist nichts, wozu und wohin sie gehören könnten, nur ein unbestimmter Raum. Nicht einmal Erdklumpen von der Ackerscholle oder vom Feldweg kleben daran, was doch wenigstens auf ihre Verwendung hinweisen könnte. Ein Paar Bauernschuhe und nichts weiter. Und dennoch.«

©2004–2012 Adib Fricke, adibfricke.com.