2004/12/30
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Adib Fricke

Wem gehören die Wörter?

Alles braucht einen Namen

Geschäft ohne Namen

Alles braucht einen Namen, damit wir uns austauschen
und mitteilen können – auch dieser Friseur in Hamburg,
der vorgibt, keinen Namen zu haben, braucht einen Namen.

 

Glasauge

Aus kleinen Wörtern oder Wortstücken, den Morphemen, machen wir neue Wörter. »Glas« und »Auge« bezeichnen hier z.B. materialistisch den Gegenstand.

 

Ire-Me

Die einzelnen Konzepte mögen dabei von Sprache zu Sprache unterschiedlich sein, das Modell der Wortbildung ist das gleiche. Im Japanischen heißt das Glasauge ire-me, »ire« für »hinein(-gehen, -legen)« und »me« für »Auge«, die hier prozessual die Anwendbarkeit des Gegenstands bezeichnen.

 

Maulwurf

Manchmal verstehen wir das zu Grunde liegende Wort-Konzept nur noch zum Teil, wie z.B. beim Maulwurf, der »volksetymologisch« als ein Tier interpretiert wird, das mit dem »Maul« (mhd. »mul«) Erde (ahd. »molta«) nach oben »wirft«, aber eigentlich ein Haufenwerfer zu aengl. »muha, muwa« für »Haufen« ist.

 

Welt

Bei manchen Wörtern verstehen wir den Ursprung gar nicht mehr und nutzen die Begriffe so, wie wir sie heute für richtig halten. Die Bedeutung einzelner Wörter verschiebt sich im Laufe der Zeit, so war »Welt« als Beispiel ursprünglich eine Zusammenziehung aus »Wer« (wie in »Wer·wolf«) für »Mann, Mensch« und aus »alt« zu »Menschheit«, »Zeit«, »Alter« und bedeutete demnach eigentlich »Menschenalter«, »Menschenzeit«.

 

Etwas, das ist wie ein Gehirn

Fehlen passende Wortbausteine, um daraus ein einzelnes neues Wort zu bilden, so bleibt zumindest noch der Weg der Beschreibung für Erscheinungen, die anders sprachlich nicht fassbar sind, wie hier in der Umschreibung für »Computer« in Inuktitut, der Sprache der kanadischen Eskimos. Die Inuit haben, um ein Aussterben Ihrer Sprache zu verhindern, ihre Sprache mit aktuellen Bezeichnungen modernisiert, so z.B. auch »etwas, das in einer Person wächst und das man versuchen kann zu behandeln« für Krebserkrankungen.

 

sitt

Haben die Dinge oder Zustände keinen Namen, so suchen wir nach Begriffen, mit denen wir sie bezeichnen können. In einem Wettbewerb, 1999 von Lipton Tea (Nestlé) in Zusammenarbeit mit dem Duden-Verlag veranstaltet, wurde ein Wort für »nicht durstig« gefunden: der Wort-Vorschlag »sitt« (zu »sitt und satt«) des Schülers Jascha Froer wurde ausgewählt. Es sagt zwar heute trotzdem kaum jemand »sitt«, aber damals wurde zumindest von »Lipton« und vom »Duden« gesprochen.

 

Uschiglasierung, Welfenstilzchen, Rumpelfußball, Inder-Wahnsinn

Wort-Kreativität ist gefragt und wird prämiert wie hier bei »Pons Pons 2000«, dem Wettbewerb des Klett-Verlags für kreative Wortschöpfungen, der die »PONS«-Wörterbücher verlegt.

 

Hallo Iuma

Kreativität macht auch vor Personennamen nicht halt. Wie soll das Kind heißen? Eine zentrale Frage, mit der sich werdende Eltern befassen. Soll eine Namenstradition mit auf den Lebensweg gegeben werden? Was wird dem Kind mit dem Namenszeichen in die Wiege gelegt? Namenslexika und heutzutage auch Webseiten sollen helfen, Entscheidungen zu treffen. Das Internet-Underground-Musikarchiv iuma.com hatte ein besonderes Angebot und bot jedem Paar, das das eigene Neugeborene nach dem Unternehmen »Iuma« taufte, US$ 5.000 als Belohnung.

 

Ich bin der Pepsi

Andere Eltern gehen andere Wege. Jason und Frances Black aus Kalifornien versuchten das Namensrecht für Ihren am 27.7.2001 geborenen Sohn über Ebay und Yahoo an einen international tätigen Konzern für mindestens US$ 500.000 zu versteigern.

 

Chanel küßt DelMonte

Laut einer Studie von Cleveland Evans, Prof. für Psycholgie an der Bellevue University in Nebraska/USA, scheinen amerikansiche Eltern häufiger bekannte Marken als Namen für ihre Kinder zu wählen. Er berichtet von einer kleinen L’Oreal, einem kleinen Chevorlet und in dieser Reihe fast noch harmlos klingenden Armanis, Timberlands und Denims. Selbst unsprechbare Buchstaben-Kombinationen kommen wohl zum Einsatz, gleich zweimal sollen Kinder lebenslänglich mit dem Rufnamen ESPN (nach einem Sport-Fernsehkanal) beglückt worden sein. Die 22 Infinitis des Jahres 2003 grüßen die 49 Canons – praktisch, wenn man gleich den Namen der Kamera trägt, mit der man fotografiert werden soll.

 

Winner & Looser

Klassische Personennamen geben oft eine Eigenschaft oder eine Fähigkeit mit auf den Weg, betonen einen bestimmten Aspekt oder referieren auf eine historisch relevante Person: Paul – der Kleine, Regina – die Königin, Erik – der Herrscher, Brigitte – die Erhabene, Farah – glücklich sein … doch auch andere Ideen kommen zum tragen, besonders wenn keine standesamtlichen Listen die Namenswahl begrenzen. Eltern eines amerikanischen Zwillingspaars nannten den Erstgeborenen »Winner«, den Zweitgeborenen »Looser«.

Weitere Namen, die die Kinder ihren Eltern eines Tages übel nehmen werden

 

Alles braucht einen Namen
Alle Wörter sind öffentlich
Streit ums Wort
Mein Wort gehört mir
Sag’ besser nichts
Falsche Wörter
So muss es heißen

 

Wem gehören die Wörter? Der Sprachraum als Eigentum, Teil 1
© 1999-2003 Adib Fricke, The Word Company.
Vortrag anlässlich der Ausstellung Wörterarbeit, Galerie Barbara Weiss Berlin
und der Präsentation von QUIVID, Baureferat München.

©2004–2017 Adib Fricke, adibfricke.com.